StreitgesprächWoran krankt der Dax?

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Ist das so? Lässt man Dividenden außen vor, pendelt der Dax-Kursindex schon seit 2000 nur mit extremen Schwankungen seitwärts. Das frustriert Anleger.

GEBHARDT: Aber warum sollte man die Dividenden außen vor lassen? Der Dax wird langsam zum Hochdividenden-Index. Bei aller Kritik: Die Vergangenheit zeigt, dass man mit langen Horizonten immer gute Renditen mit deutschen Aktien erzielt. Und wenn man in Krisen kauft, sogar fantastische. Ich fürchte aber, der Dax hat tatsächlich Konstruktionsfehler.

Welche?

GEBHARDT: Die größten fünf Titel vereinen knapp 50 Prozent Indexgewicht. Laufen die nicht – aktuell zum Beispiel Bayer –, wird es schwer für den Index. Defensive Werte, also solche mit einem konjunktursicheren Geschäft, stellen nur gut zehn Prozent. Damit ist man mit dem Dax nicht gut diversifiziert. Auch mit Blick auf die Unternehmensgrößen. Der kleinste Wert, aktuell ist das Thyssenkrupp, hat einen Börsenwert von 10 Mrd. Euro. Viele wachstumsstarke Firmen und Hidden Champions sind dagegen in der zweiten und dritten Reihe des Markts.

MEYER ZU DREWER: Was für Sie ein Nachteil ist, sehe ich als Vorzug. Für internationale Investoren sind deutsche Aktien maximal oft eine wichtige Beimischung, weil deutsche Aktien in einem globalen Portfolio nicht fehlen dürfen. Globale Anleger wollen genau dieses Profil haben: groß, exportstark, idealerweise gefüllt mit Autoherstellern. Das bekommen sie durchaus gut in einem einzigen Index, dem Dax. Was sich darunter abspielt, ist einem asiatischen Großinvestor mitunter nicht so wichtig. Ganz davon abgesehen, dass auch die Dax-Konzerne in der ganzen Welt tätig sind, auch in Schwellenländern. Heimische Investoren bekommen so Schwellenländerfantasie, ohne dort anlegen zu müssen.

Viele Dax-Aufsteiger sind in den vergangenen Jahren nach der Aufnahme eingebrochen. Warum?

GEBHARDT: Das ist auch eine Funktion seiner Größe von nur 30 Werten. Das macht die Hürden für den Aufstieg sehr hoch. Bis sie im Dax landen, müssen sich die Aktien schon sehr gut entwickelt haben. Zudem hat sich dann oft eine Eigendynamik entwickelt aus Wachstum und großer Aufmerksamkeit. Es gäbe eine simple Möglichkeit, das zu vermeiden: auf den kaum bekannten Index HDax zu setzen. Der enthält nicht die 30, sondern die 100 größten Titel Deutschlands. Das ist eine viel bessere Abdeckung.

MEYER ZU DREWER: Offenbar ist für Sie auch passives Investieren eine gute Option? Das freut mich, Herr Gebhardt!

GEBHARDT: Da sind wir doch keine Dogmatiker. Natürlich setzen wir in unserer Privatbank auch ETFs in der Vermögensverwaltung ein, wo es Sinn macht. Mein Job als Fondsmanager ist es, Mehrwert zu bieten mit deutschen Aktien. Viele glauben, deshalb sei man auf der Suche nach dem nächsten Verdoppler. Das ist Quatsch. Es geht um Selektionsentscheidungen: Wo schrumpft das Geschäft, steht vor Umwälzungen, ist zu teuer? Aktuell halten wir etwa nur 15 der 30 Dax-Werte, bevorzugt Technolgie-, Konsum-, Pharmatitel. Ich erinnere mich beispielsweise gut, dass im Jahr 2000 Finanzwerte auf 40 Prozent Gewichtung kamen. Versorger hatten noch vor einigen Jahren 15 Prozent Gewicht. Dann kollabierte nach Fukushima deren Geschäftsmodell. Einen Index zu schlagen, das funktioniert oft mit Vermeidung, nicht mit großen Wetten.

MEYER ZU DREWER: Das sagt sich natürlich leicht. Aber wer weiß so was vorher? Ich kann mich erinnern, dass man US-Banken vor knapp zehn Jahren totgesagt hat. Danach wuchsen Gewinne und Kurse stark überproportional. Und hier punktet der Index für den Langfristinvestor. Auch wenn das langweilig klingt: Die Gewinner wachsen im Gewicht, die Verlierer sind vorher nur schwer zu finden.

GEBHARDT: Das Karussell dreht sich auch bei Indizes immer schneller. Die Hälfte der Dax-Gründungsmitglieder gibt es nicht mehr. Im Schnitt verbleiben Werte im US-Leitindex S&P 500 noch 13 Jahre.

MEYER ZU DREWER: Was ist daran schlecht? Das zeigt doch die Anpassungsfähigkeit, genau so erfüllen sie ihren Zweck. Es ist natürlich Unfug zu sagen, dass aktive Selektion nicht funktioniert. Sie können das, Herr Gebhardt …

GEBHARDT: … Oh, vielen Dank!

MEYER ZU DREWER: Moment: Aber ob sich das für die Anleger auch auszahlt, ist die andere Frage. Die besten Investoren, selbst Warren Buffett, liegen teils jahrelang daneben. Wer sich für aktives Management entscheidet, weil er dem Dax nicht traut, muss nicht nur einen Manager erwischen, der den Index nach Abzug der Gebühren schlägt – was schon schwer genug ist. Sondern dieser Strategie auch treu bleiben. Da bietet der Index langfristig einfach bessere Renditeaussichten.