Leben ohne ZinsenWohin mit dem vielen Geld?

Symbolbild: Geld
Symbolbild: Gelddpa

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber: Hilfe, ich habe 70.000 Euro geerbt. Ja, natürlich, es gibt Schlimmeres. Ein Problem habe ich trotzdem: Denn einen größeren Betrag hatte ich schon mit schlechtem Gewissen auf dem Tagesgeldkonto gehortet, es wirft ja keine Zinsen mehr ab. Nun besitze ich gut 100.000 Euro. Ich muss also etwas tun. Nur was? Bis zur Rente habe ich bloß zehn Jahre, deshalb habe ich Angst, im größeren Stil Aktien oder Fonds zu kaufen. Mit Fonds spare ich ohnehin schon, aber die Kurse sind jetzt so lange gestiegen – was ist, wenn der nächste Crash kommt?

Das hole ich doch nie wieder auf. Ein Finanzberater riet mir, den Betrag in eine Sofortrente zu stecken, die zahle mir dann bis zum Lebensende eine Zusatzrente aus. Aber ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Rentenversicherung und Betriebsrente habe ich sowieso schon. Und stöhnen die Versicherungen nicht auch über die Minizinsen? Ich bin überfragt, was ich machen soll.“

Jörg Heidsieck (Name v.d.Red. geändert), 55 Jahre, Ingenieur

Die Idee mit der Sofortrente gegen Einmalzahlung hören viele Ältere, die einen größeren Anlagebetrag zur Verfügung haben. Es klingt auch verlockend, dank 100.000 Euro eine Zusatzrente von rund 300 Euro zu bekommen (siehe auch Seite 134). Weiß man aber, dass ein 65-Jähriger im Schnitt noch 18 Jahre lebt, so hieße das, er bekäme rein statistisch nur knapp 65.000 Euro aus der Police heraus. Schon mit einem simplen Entnahmeplan könnte man sich dagegen 20 Jahre lang 416 Euro im Monat auszahlen.

Schafft jemand wie Heidsiek es, das Geld bis zur Rente noch etwas zu vermehren, wären sogar 500 bis 750 Euro im Monat drin. Dazu müsste der gut Versorgte aber zumindest die Hälfte in ETF-Aktienfonds anlegen. Ganz wichtig dabei: das Geld möglichst breit streuen und in einen weltweiten Index investieren. Dann nämlich ist die Angst vor großen Crashverlusten ungerechtfertigt: In den vergangenen 50 Jahren etwa erlitten Anleger, die zehn Jahre auf den Dax setzten, nur zweimal negative Renditen (bei Einstieg 1998 und Ausstieg 2007 beziehungsweise 1999 und 2008). In allen anderen Fällen waren ihre Erträge positiv, und zwar deutlich. Und selbst wer in zehn Jahren Verluste einfuhr, musste die Aktien nur ein bis zwei Jahre länger halten und kam wieder auf 1,1 bis 4,3 Prozent Jahresrendite.

Bisher lautete eine Faustregel auch, die Aktienquote solle 100 minus Lebensalter betragen, beispielsweise 35 Prozent für einen 65-Jährigen. Doch ermutigt eine Studie der Forscher Wade Pfau und Michael Kitces, gerade im Alter die Aktienquote nicht zu reduzieren, sondern zu erhöhen. Denn schon in wenigen guten Jahren vermehrt sich ein größerer Kapitalbetrag schnell, dass zwischenzeitliche Einbrüche weniger dramatisch sind. Im Schnitt jedenfalls können ETF-Anleger mit zehn Jahren Geduld beim Dax oder MSCI World rund sechs Prozent Jahresrendite erzielen. So würden aus 100.000 Euro 180.000 Euro – 750 Euro Zusatzrente pro Monat, 20 Jahre lang.


Doch noch Vermieter werden?

Die gestiegenen Immobilienpreise haben die Renditen für Neuvermieter sinken lassen. Lohnen kann es sich trotzdem

Wenn man schon 100.000 Euro beisammen hat, warum dann nicht eine Immobilie kaufen und eine Zusatzrente durch Mieteinnahmen einkassieren? Zwar sind die Wohnungspreise so stark gestiegen, dass man in Großstädten wie Berlin, Düsseldorf oder Köln höchstens noch 25 Quadratmeter Wohnraum dafür bekommt – also nur Einzimmerwohnungen, die allerdings sehr gefragt sind.

Schon in B-Städten wie Braunschweig, Kiel oder Leverkusen aber reicht dieses Budget noch für eine Zweizimmerwohnung mit 50 Quadratmetern. Die Mieten dort liegen bei 7 bis 8 Euro, das macht 350 bis 400 Euro Mieteinnahmen monatlich und rund vier Prozent Bruttorendite. In solchen Städten lohnt sich zu derzeitigen Konditionen und Preisen auch noch die Kreditaufnahme, um Vermieter zu werden.

Man sollte aber Stadt und Standort genau kennen – und nicht allzu leichtfertig in fremden Städten investieren, nur weil Verkäufer dort mit saftigen Renditen werben. Nach Abzug aller Kosten (wie Kaufnebenkosten, Hausgeld, Instandhaltungsrücklagen und Finanzierungskosten) sind mehr als zwei bis vier Prozent Nettorendite äußerst unwahrscheinlich. Der Vorteil einer Wohnung aber zudem: Man kann sie später vererben.


Leben ohne Zinsen: Lange Zeit dachte man, dass Nullzinsen ein vorübergehendes Phänomen sein würden. Nun aber lockern Notenbanken wie die EZB erneut ihre Geldpolitik, die Zinsen fallen weiter ins Minus. Eine ganze Generation wächst ohne die Gewissheit auf, dass sparen sich lohnt. Capital hat analysiert, was das für Konsumenten, Sparer, Bauherren und Aktionäre bedeutet

Wird fortgesetzt …