AktieWirecard und das große Zahlenrätsel

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Ein zweiter Fall Comroad?

Jene, die dem Unternehmen skeptisch gegenüberstehen, fühlen sich angesichts der Bilanzfälschungsvorwürfe an eine andere Geschichte des Dotcom-Zeitalters erinnert: an den Fall Comroad. Die Anlegerwelt hatte glücksselig den stetig wachsenden Zahlen des Telematik- und Navigationshersteller Comroad vertraut. Auch diese Firma war mit ihrer Technologie-Idee um die Jahrtausendwende rückblickend der Zeit weit voraus. Und sie nahm es tatsächlich nicht so genau mit den Zahlen und Umsätzen, vor allem bei Geschäften in Asien. Was aber hierzulande viele nicht wirklich nachprüfen konnten. Comroad ging als großer Skandal in die Börsengeschichte ein. Und wenn Börsianer daraus etwas gelernt haben sollten, dann dieses: Glaube keiner Zahl, die Du bloß im Geschäftsbericht gelesen hast.

Natürlich haben Privatanleger keine großartigen Möglichkeiten, solche Bilanzen auf eigene Faust wirklich zu überprüfen. Das müssen sie wohl getrost den Analysten und Sonderprüfern überlassen. Es sollte ihnen aber zumindest bewusst sein, dass selbst solche Experten bisweilen Schwierigkeiten haben, ein Zahlenwerk realistisch einzuschätzen. Erst recht bei Unternehmen, deren Geschäftsmodell man aufgrund seiner Neuartigkeit noch als revolutionär bezeichnen muss und daher nur ganz schlecht einschätzen kann. Und ebenfalls wenn die Firmenkonstruktion oder der Verlauf der Zahlungsströme innerhalb eines Unternehmens doch recht verschachtelt sind, sodass selbst Analysten sagen: Das sei alles schwer zu überblicken. Das scheint bei Wirecard der Fall zu sein.

Derzeit streiten laut Branchenberichten wohl selbst Bilanzexperten über die Frage, wie man durchlaufende Posten im Acquiring-Bereich korrekt bilanziert. Dabei geht es um Forderungen, die in diesem noch neuen Geschäftsmodell der Digitaltransaktionen entstehen, das Wirecard betreibt. Dabei fallen einerseits Abwicklungsgebühren für das Weiterleiten von Zahlungen an und zusätzlich behält das Unternehmen vorerst Sicherheitsabschläge ein, für den Fall, dass ein Beteiligter in der Bezahlkette das Geld später nicht korrekt an den Handelspartner weiterleitet. Dann nämlich müsste der Acquirer letztlich für den Schaden aufkommen und dafür will er notfalls Geld in petto haben. Deshalb die Sicherheitsabschläge.

Die Investmentstory von Wirecard ist wirklich gut

Nun wickelt Wirecard als Acquirer aber solche Zahlungsgeschäfte im Ausland nicht komplett selbst ab, sondern nutzt auch Drittbanken, über die das Unternehmen die Geldströme laufen lässt. Und genau hier wird es unübersichtlich: Wie und wo werden in solchen Fällen also Zahlungen, Forderungen und Sicherheitsabschläge nun korrekt verbucht? Von außen scheint das bisher schwer einschätzbar zu sein.

Unregelmäßigkeiten hat es aber wohl wirklich gegeben: Jedenfalls musste Wirecard im Frühjahr 2019 einräumen, dass tatsächlich Geschäfte in Singapur nicht richtig verbucht gewesen seien. Hier seien auch Dokumente durch Ermittlungen nicht zugänglich gewesen. Es ging um kleinere Millionenumsätze und die Jahresbilanz der dortigen Unternehmensteile von 2017. Es gab auch Verwirrung um Vertragsentwürfe ohne Vertragsabschlüsse, bei denen aber wohl dennoch Buchungen vorgenommen worden waren. Offenbar ist es also in einer Firmengruppe, die nicht nur aus eigener Kraft mächtig wächst, sondern vor allem durch viele Zukäufe und Kooperationspartner, selbst für die Konzernbuchhaltung gar nicht so leicht, den Überblick zu behalten. So könnte man die Firma aus Optimistensicht verteidigen. Die Pessimisten dagegen bleiben wachsam.

Das Wachstum geht erst einmal weiter, denn die Investmentstory von Wirecard ist wirklich gut: Mit virtuellen Prepaid-Kreditkarten für Onlinezahlungen fing es an. Mit anderen digitalen Bezahlverfahren ging es weiter. In der Zwischenzeit rollten die Ascheimer ein komplettes Kassensystem für zigtausende Onlineshops, und die Reisebranche aus, aber auch für stationäre Händler. Und sie haben seit 2006 eine deutsche Banklizenz. Darüber hinaus bieten sie seit Oktober eine mobile Direktbanking-App mit Girokonto und Guthabenverzinsung an.