AktieWirecard und das große Zahlenrätsel

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Die Zahlen sehen gut aus

Auch die neueren Vorwürfe der „Financial Times“ bezeichnet Wirecard als „verleumderisch“. Das Unternehmen „weist die Anschuldigungen von Fehlverhalten kategorisch zurück“, erklärte es im Herbst. Zudem teilte Wirecard mit, es gebe auch hier Belege über die Zusammenarbeit mit Shortsellern. Doch die Journalisten legten mehrfach mit ihrer Kritik nach. Wirecard selbst wies sie jedes Mal als haltlos zurück. Noch Mitte Dezember 2019 erklärte das Unternehmen: Der jüngste Artikel „wiederholt nur alte Behauptungen, die zuvor mehrfach Gegenstand unabhängiger Prüfungen waren und sich als unbegründet erwiesen haben“. Doch die finale Sonderuntersuchung der KPMG steht im Ergebnis noch aus. Von ihr hängt ab, wie es mit Wirecard weitergeht.

Die jüngsten Zahlen des Zahlungdienstleisters jedenfalls sehen wieder gut aus, so wie es Analysten auch erwartet hatten: Der Umsatz legte weiter kräftig zu (um 38 Prozent) und lag bei 2,8 Mrd, Euro. Das war sogar ein Hauch mehr als die 2,7 Milliarden, mit denen viele gerechnet hatten. Das Ergebnis vor Steuern und Abschreibungen betrug 785 Mio. Euro und wuchs damit um 40 Prozent. Ohne einige Sondereffekte und die Ausgaben für die Sonderprüfung hätte das operative Ergebnis sogar noch 10 Mio. Euro höher gelegen. Für das laufende Jahr hat Wirecard deshalb seine Prognosen bekräftigt: Es werden weiter steigende Zahlen erwartet und das Ergebnis soll in 2020 sogar die Ein-Milliarden-Euro-Marke knacken.

Noch aber sind diese vorläufigen Zahlen an der Börse nicht sehr viel wert: Die Wirecard-Aktie jedenfalls sackte im Verlauf des Freitagvormittags kräftig ab. Am Donnerstagabend stand der Kurs noch bei rund 144 Euro, Freitagmittag waren es nur noch 140 Euro. Seit Sommer 2018 bewegt sich die Aktie nun an der Börse wie im Fahrstuhl: Mal strebt sie fast senkrecht bergauf und steigt innerhalb weniger Tage von 107 auf 161 Euro (wie im Frühling 2019), dann jagt sie wieder jäh in den Keller auf 105 Euro hinab wie im Herbst. Zuletzt pendelte sie rund um die 140er-Marke. Zwischen 100 und 160 Euro liegt das Band, in dem sie sich seit einem Jahr bewegt, das ist eine enorme Spannbreite.

Wirecard Aktie

Wirecard Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Wenn man rasante Richtungswechsel mag, könnte man sagen: Aus Anlegersicht ist diese Aktie endlich mal wieder wirklich spannend. Denn sie eröffnet immer wieder Einstiegsmöglichkeiten. Und Börsianer, die einen schnellen Gewinn mitnehmen möchten, müssen oft nur ein paar Tage warten, bevor sie ihre Wirecard-Papiere mit sattem Aufschlag versilbern können. Oder sie müssen nur auf fallende Kurse setzen und warten, bis das nächste böse Gerücht die Runde macht und den Kurs wieder stürzen lässt. Genau das dürfte ja wohl auch der ausschlaggebende Grund dafür gewesen sein, weshalb die ersten Spekulanten 2010 auf die Idee kamen, die Kursbewegungen derart auszunutzen.

Welches Potenzial hat die Aktie?

Allen, die mit dem Kauf der Aktie liebäugeln sei jedenfalls als Warnung gesagt: Die Zahl der Shortseller bei Wirecard ist anhaltend groß. Es gibt also viele, die auf negative Kursbewegungen spekulieren und von einem Absturz profitieren würden. Das macht das Papier zu einem heißen Eisen.

Jenseits der irren Kursbewegungen wüssten viele Investoren sicherlich gern: Welches Potenzial steckt langfristig in der Wirecard-Aktie? Hat sie wirklich das Zeug, noch auf 270 Euro zu steigen, wie die Analysten von Hauck & Aufhäuser als Kursziel angeben? Oder auf gut 200 Euro, was immerhin auch Barclays, Berenberg, Morgan Stanley, Kepler und Baader Bank sagen. Goldman Sachs setzte mit 175 Euro zuletzt die niedrigste Kursschwelle, kaufte allerdings selbst gerade erst ein Aktienpaket von Wirecard zu. Man glaubt also offenbar an den weiteren Aufstieg des Papiers. Mehr als 70 Prozent der Analysten war zuletzt genau davon überzeugt. Die übrigen rieten fast ausnahmslos zum „Halten“. Den Verkauf empfehlen zurzeit nur ganz wenige. Warum auch, wo laut der vorgelegten Zahlen doch alles glänzend läuft?

Etliche Analysten warnen jedoch auch: Die ausstehenden KPMG-Untersuchungen seien ein „zentrales Ereignis“, das über den künftigen Erfolg von Firma und Anteilsscheineigner bestimmen dürfte, so heißt es etwa bei der Berenberg Bank. Und JP Morgan mahnt, Wirecard müsse selbst bei einem guten Testat möglichst viele Details der KPMG-Prüfung veröffentlichen. Sonst behielten die Pessimisten weiter die Oberhand und könnten auch künftig den Kurs wieder ins Flattern bringen können.