KolumneWillkommen im Schlaraffenland des „Frugalismus“

Symbolbild SparenGetty Images

Interessant, auf welche Ideen der Mensch so kommt, um sein Leben besser zu machen. Eine der kuriosesten – so dachte ich bisher – ist die der Fruganer. Sie essen nur, was die Natur von selbst an Früchten hergibt, legen sich also unter einen Baum und warten, bis die Äpfel herunterfallen. Im Herbst zur Erntezeit stelle ich mir das ganz einträglich vor, ein bisschen wie im Schlaraffenland. Aber leben Fruganer nicht etwas karg zwischen Frühwinter und Frühherbst?

Umso spannender, dass solche Blüten nun auch im Finanzbereich sprießen: Frugalismus heißt der neue Trend. Frugalisten warten, bis ihr Konto so üppige Früchte abwirft, dass sie davon leben können –nur von den Erträgen, ganz ohne Arbeit. Bis dahin leben sie sparsamst und füttern mit jedem verfügbaren Euro ihr Konto. Die Rente mit 40 ist ihr Ziel. Auch das klingt nach Schlaraffenland. Aber ist es das auch?

Die neue Capital
Die neue Capital

Wie es geht, erklären führende Frugalisten so: Es brauche kein Großgehalt, um mit 40 ausgesorgt zu haben, dazu reiche das Normaleinkommen. Jeder könne sehr viel Geld sparen, wenn er seine Ausgaben aufs Nötigste beschränke. Also: kleinere Wohnung, Auto abschaffen, weniger ausgehen, regional Urlaub machen, selber kochen – schon reichen 1500 Euro locker zum Leben, heißt es. Der Durchschnittshaushalt könne also jeden Monat 1200 Euro sparen. Das Vermögen wachse rasant auf rund 350.000 Euro, wenn man diese Rate 15 Jahre lang in einen Fondssparplan stecke. Davon könne man sich dann selbst eine ewige Rente von 1676 Euro auszahlen, wenn das Geld im Fondsdepot bleibt.

Klingt toll, aber nur aus der Ferne. Näher besehen leben Frugalisten zu zweit auf 40 Quadratmetern, besitzen keine Handys und geben 100 Euro monatlich für Lebensmittel aus. Das geht, wenn man Reis, Nudeln und Haferflocken mag und extreme partnerschaftliche Nähe liebt, aber andere Sozialkontakte scheut. Vielleicht schreiben deshalb so viele Frugalisten Blogs. Ob solche Sparfüchse überhaupt das Rentenalter erreichen oder vorher an körperlicher und geistiger Mangelernährung eingehen, ist noch nicht erforscht – dafür ist die Frugalfraktion zu jung.

Wenn sie dann mit 40 in Frührente gehen, leben sie genauso spartanisch weiter wie zuvor – von 1670 Euro. Tolle Aussicht, oder? Und würden alle so sparsam leben, bisse sich das Modell schnell in den Schwanz – denn wie sollen jahrzehntelang Erträge aus Aktienfonds sprudeln, wenn niemand konsumiert und die Wirtschaft nicht mehr wächst?

Trotzdem kann man sich von der Idee etwas abschauen. Lebten wir alle ein wenig frugaler und fingen früh damit an, könnten wir später größere Früchte ernten. Wer etwa mit 25 Jahren beginnt, 300 Euro monatlich ins Fondsdepot zu legen, der hat nach 33 Jahren so viel beisammen, dass er sich eine Extrarente von 2091 Euro auszahlen kann, bis er 90 ist. Bei 450 Euro monatlich kommt man schon nach 27 Jahren auf denselben Betrag und nach 33 Jahren sogar auf eine lebenslange Zusatzrente von 2950 Euro. Hinzu kommt dann noch die gesetzliche Rente, weil man anders als die Frugalen nicht mit 40 das Arbeiten eingestellt hat.

Wie klingt das? Fast nach Schlaraffenland, oder?

 


Nadine Oberhuber ist Capital-­Korrespondentin in München. In ihrer Kolumne schreibt sie jeden Monat über die Freude und die Last mit der Geldanlage und der Altersvorsorge.