GeldanlageWikifolio - reich mit dem Schwarm


Andreas Kern studierte Mathematik und Computerwissenschaften, hat einen Master of Science für Innovationsmanagement und ist gelernter Börsenhändler. Nach mehreren Jahren in der Finanz- und Paymentbranche gründete Kern 2012 wikifolio.com.


Herr Kern, Sie haben aus der Idee der Schwarmintelligenz ein Geschäftsmodell gemacht und mit Wikifolio einen Marktplatz geschaffen, wo jedermann seine Anlagestrategien anbieten kann. Können Amateure besser sein als professionelle Finanzberater?

Definitiv. Auf wikifolio.com zeigen sie es jeden Tag. Unsere Onlineplattform ist ein Marktplatz, wo Trader ihre Leistung transparent und vergleichbar zur Schau stellen. Anleger sollen tatsächlich dort investieren können, wo mit akzeptablem Risiko Performance gemacht wird. Und nicht dort, wo Marketing und Vertrieb am meisten leisten.

Schwarmintelligenz klingt ja immer gut – es gibt dafür aber auch ein anderes Wort: Herdentrieb …

James Surowiecki hat das Konzept mit seinem Buch „Die Weisheit der Vielen“ populär gemacht. Er führt genau aus, welche Voraussetzungen Schwarmintelligenz begünstigen oder verhindern. Es ist ein Teil der sozialen Natur des Menschen, der Herde zu folgen. Dieser Trieb kann Trends auf den Kapitalmärkten verstärken. Wir versuchen, Anleger durch die Gestaltung unserer Plattform zu unterstützen. Wer nach Wikifolios sucht, erhält als Suchergebnis die Top-Rangliste. Hinter dem Scoring steht ein Algorithmus, der die Handelsaktivität der Trader und das investierte Kapital mit Performance- und Risikodaten kombiniert. Insgesamt sind es neun unterschiedlich gewichtete Faktoren. Es geht also nie allein um Rendite.

Wie kam Ihnen die Idee, das Wikipedia-Prinzip auf die Geldanlage zu übertragen?

Ich hatte – wie so viele Privatanleger – vor vielen Jahren einen Bankberater, mit dem habe ich keine guten Erfahrungen gemacht und eine Menge Geld verloren. Dieses Erlebnis hat mir die nötige Motivation und Energie gegeben, nach etwas anderem zu suchen. Übrigens haben gerade mal 16 Prozent der Menschen gute Erfahrung mit der Anlageberatung gemacht. Sehr inspiriert hat mich auch das Buch „The Long Tail“ von Chris Anderson. Er verknüpft die Schlüsselprinzipien der Demokratisierung von Produktionsmitteln und Vertrieb mit Angebot und Nachfrage. Das haben wir mit wikifolio.com auf den Kapitalmarkt übertragen. Ich war überzeugt: Da draußen gibt es unglaublich viele Talente, die das können, was ein Bankberater macht. Und jetzt haben sie die technischen Möglichkeiten und Informationen, wie sie früher nur Profis hatten.

… nur dass bisher keiner diese Talente zusammengeführt hat …

Ja, es ist unglaublich, was in den vergangenen zehn Jahren entstanden ist an Trading- und Informationstools. Das ist eine Revolution! Wir haben mit unserer Social-Trading-Plattform die Geldanlage demokratisiert. Auf der einen Seite haben wir private Trader oder Profis, die in Form von Wikifolios ihre Strategien veröffentlichen. Auf der anderen Seite können Anleger diese Portfolios beobachten – und bei einer Bank oder einem Onlinebroker Zertifikate erwerben, die deren Performance folgen.

Rekord an Orders nach dem Brexit-Votum

Schneiden die Hobbytrader wirklich besser ab als hoch bezahlte Fondsmanager?

Nicht alle, aber die besten. Daran habe ich immer geglaubt. Mittlerweile werden Wikifolios auch wissenschaftlich untersucht. Erste Ergebnisse liefert eine Studie von Alexander Jonen von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Er hat Wikifolios systematisch mit Aktienfonds verglichen. Dafür hat er alle investierbaren Musterdepots mit mehr als zwei Jahren Laufzeit gewählt. Bei Aktienfonds hat er alle bis zu einer Größe von 30 Mio. Euro und Vertriebszulassung in Deutschland berücksichtigt. Das Ergebnis: Bei Performance, Sharpe-Ratio und Security-Equivalent schneiden Wikifolios gleich gut oder besser ab. Nur bei der RisikokennzifferValue-at-Risk liegen die Fonds vorne.

Die Börsen sind seit Monaten sehr volatil. Wie wirken sich diese Turbulenzen auf die vielen Portfolios auf Ihrer Plattform aus?

Nehmen wir als Beispiel den Tag nach dem Brexit. Da hatten wir einen Rekord an Orders. Schon am Donnerstagabend, als sich der Erfolg des Pro-Brexit-Lagers abzuzeichnen begann, wurde eifrig gehandelt. Und unsere Wikifolios haben sich gut geschlagen: Von Donnerstag 12 Uhr bis Freitag 12 Uhr hatte der Dax gut sieben Prozent nachgegeben. Alle investierbaren Portfolios im Schnitt nur 1,8 Prozent. Auch eine Woche später schlugen die Wikifolios mit durchschnittlich minus 0,9 Prozent den Dax, der mit 5,5 Prozent im Minus lag.

Vergleicht man da nicht Äpfel mit Birnen, wenn man den Dax als Benchmark für die Wikifolios nimmt?

Ich gebe zu: Ein Benchmark-Vergleich ist immer ein sehr komplexes Thema. Da deutsche Aktien in den Wikifolios aber die stärkste Assetklasse bilden, ist der Dax für uns auch der wichtigste Index.

Kann Wikifolio angesichts des aktuellen Anlagenotstands, den auch viele unserer Leser beklagen, neue Möglichkeiten eröffnen?

In jedem Fall. Wenn jemand jenseits vom Tagesgeld nach Möglichkeiten sucht zu investieren, kommt er am Thema Risiko nicht vorbei. Um das zu reduzieren, muss er diversifizieren – nach Anlageklassen, Regionen, Branchen und so weiter. Bei uns diversifiziert er zusätzlich über den Handelsstil. Das ist unser Mehrwert. Jeder Anleger kann in verschiedenen Segmenten an dynamischen Nischenstrategien partizipieren. Das sieht man auch am Beispiel Brexit: Der aktive Anleger hatte bei uns eine größere Chance, den Kurssturz im Durchschnitt nur gedämpft zu erleben.