Versicherer 2.0Wie Versicherungs-Start-ups den Markt aufmischen

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Bei den Produkten konzentrieren sich die neuen Gründer bislang meist auf vergleichsweise simple Schnelldreher wie Kfz-, Haftpflicht-, Reise- oder Hausratpolicen, die Kunden ohne lange Fristen wieder kündigen können. „Bei diesen Produkten ist der Preis das entscheidende Verkaufsargument, nicht das Vertrauen in die Marke“, sagt Niki Winter, Director beim Beratungsunternehmen Willis Towers Watson.

Roman Rittweger
Roman Rittweger

Anders sieht es bei lang laufenden Lebens- oder Krankenversicherungen aus, die Netzanbieter bislang meiden – mit einer Ausnahme: dem digitalen Krankenversicherer Ottonova. Seit mehr als drei Jahren arbeitet Gründer Roman Rittweger in München am Aufbau des Unternehmens. Um die Gewinnschwelle zu erreichen, braucht er länger als ursprünglich gedacht, die Zahl seiner Kunden ist erst dreistellig.

„Bei Krankenvollversicherungen liegt die Eintrittshürde für Kunden hoch“, konstatiert Rittweger. Nur selten schließen Interessenten in ein oder zwei Tagen ab – vernünftigerweise. Die Mehrheit lasse sich deutlich mehr Zeit, in der Regel ein bis zwei Monate oder gar ein halbes Jahr. Rittweger weiß, dass er ein dickes Brett bohren muss. Aber er will dranbleiben. Würde er noch einmal einen digitalen Krankenversicherer gründen? „Auf jeden Fall“, sagt er.

Kein Rabatt von der Bafin

In Deutschland benötigen alle Anbieter eine offizielle Lizenz, um Versicherungsgeschäfte zu betreiben, vergeben von der Finanzaufsicht Bafin in Bonn. Deren Aufseher prüfen vorab, ob Kandidaten alle Auflagen erfüllen. Für Start-ups gebe es dabei keinen Rabatt, bekräftigt im Gespräch mit Capital der oberste Versicherungsaufseher Frank Grund.

Das strikte Reglement soll gewährleisten, dass Kunden bei Insurtechs ebenso sicher sind wie bei etablierten Anbietern – und nicht nach ein paar Monaten plötzlich ohne Schutz dastehen. Schon deshalb müssen alle Kandidaten für eine Versicherungslizenz finanzielle Rücklagen für drei Jahre vorweisen.

Sind die Sicherheitsrisiken für Kunden von Insurtechs größer als bei etablierten Anbietern? „Das sehe ich nicht“, sagt BdV-Mann Papaspyratos. Ähnlich urteilt Verbraucherschützerin Becker-Eiselen – allerdings nur, solange es um Sachversicherungen geht. Vorsichtiger ist sie bei lang laufenden Lebens-, Berufsunfähigkeits- oder Krankenversicherungen: „Wenn da etwas schiefläuft, hat der Kunde ein Problem.“

Spätestens bei der Prüfung durch die Aufsicht prallen alte und neue Versicherungswelt aufeinander: hier papierverliebte Aufseher, die alles ganz genau wissen wollen, dort T-Shirt-Techies, die digital arbeiten und ihre Algorithmen und Produkte laufend durch Tests verbessern. Zwar sagen alle Start-ups artig, die Aufsicht unterstütze sie nach Kräften. Aber das Erstaunen darüber, dass er für seinen Bafin-Antrag rund 1000 Seiten Papier ausdrucken musste, kann Coya-Gründer Shaw nicht ganz verhehlen.

Wer Interesse an einer Digitalversicherung hat, sollte prüfen, wer sich hinter den Anbietern verbirgt. Manche arbeiten hierzulande nämlich auf Basis einer Luxemburger oder Liechtensteiner Versicherungslizenz – und dort gelten teils andere Regeln. So einen Fall hat BdV-Mann Papaspyratos ausgemacht: Der Liechtensteiner Versicherer One bietet über seine Website eine Haftpflichtpolice, die Kunden erst vier Wochen nach dem Vertragsbeginn schützt. „So etwas ist in Deutschland unüblich und problematisch.“