Versicherer 2.0Wie Versicherungs-Start-ups den Markt aufmischen

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Wer in den Maschinenraum der Coya AG will, steigt im ehemaligen Umspannwerk, einem Industriebau in Berlin-Kreuzberg, ein paar Stufen runter ins Souterrain. Dort arbeiten in zwei Großräumen, die sie hier Frontend und Backend nennen, fast 70 Mitarbeiter aus 20 Ländern. Die Dienstsprache ist Englisch, das Firmenmotto auch: „Be bold“ prangt es in riesigen weißen Lettern auf der blauen Wand – „Sei mutig“.

Andrew Shaw
Andrew Shaw

Gründer Andrew Shaw, der mit Coya vergangenen September an den Markt ging, sieht großes Potenzial für sein Geschäft: „Kein Mensch will über Versicherungen nachdenken“, sagt er, „gerade die Millennials sind alle unterversichert.“ Sein Rezept: den Onlineabschluss seiner Hausratversicherung so einfach wie möglich halten.

Einfacher ist bei Digitalversicherern wie Coya aber nicht nur der Einstieg, sondern auch der Wiederausstieg: Ihre digitalen Hausrat- oder Kfz-Policen sind in der Regel monatlich kündbar, bei manchen sogar täglich. Branchenüblich waren bisher jährliche Kündigungstermine – wer sie verpasst, hat Pech gehabt.

Dank schlanker Prozesse dürfen Kunden zudem mit einem Service rechnen, von dem Millionen Versicherte nur träumen können. Eine Schadenmeldung per Smartphone etwa ist bei Coya und den anderen Digitalversicherern kein Problem – und die Zahlung folgt im besten Fall nur ein paar Minuten später. So viel Automatisierung bekommt laut Bafin-Zahlen nicht mal jeder zehnte etablierte Anbieter hin.

Mit ihrem Kundenservice sammeln die Newcomer auch bei Verbraucherschützern Punkte. Weil es bisher kaum Erfahrungen gibt, ist Constantin Papaspyratos vom Bund der Versicherten (BdV) mit seinem Urteil trotzdem vorerst zurückhaltend: Entscheidend für Versicherte sei die Bearbeitungsqualität im Schadenfall – und die bleibe abzuwarten.

Kritisch sehen Verbraucherschützer zudem das Werbeversprechen von Vertragsabschlüssen im Expresstempo. Der Digitalanbieter One verspricht in Anzeigen etwa „Hausrat und Haftpflicht in 3 Minuten“, beim Konkurrenten Coya soll man laut Facebook-Werbung sogar „in weniger als 2 Minuten“ versichert sein.

Kerstin Becker-Eiselen, Versicherungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Hamburg, warnt vor der „Bequemlichkeitsfalle“. Von Drei-Minuten-Abschlüssen rät sie eindringlich ab: „Wer soll in dieser Zeit Konditionen vergleichen oder gar die Verträge lesen?“ Am Ende stehe der ahnungslose Kunde dann womöglich mit einem Millionenschaden da, der nicht gedeckt ist.

Denn eine Grundregel des Geschäfts können auch die Digitalanbieter nicht außer Kraft setzen: Das Produkt Versicherung ist nicht greifbar, nur der Vertrag beschreibt, wann eine Police wirklich zahlt und wie viel. Und die Texte der Versicherungsbedingungen umfassen auch im Netz schnell 30 bis 40 Seiten.