Capital-History

Die großen BetrügerWie Michael Milken mit Ramschanleihen Kasse machte

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Michael Milken bei einer Konferenz im Jahr 2018
Michael Milken bei einer Konferenz im Jahr 2018 – Foto: Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Zur Praxis wurde in der Szene auch, sich Aktien einer Firma zuzulegen, deren Übernahme bevorstand. Um sich vor dem Vorwurf des Insiderhandels zu schützen, wurden die Anteile über fremde Adressen gekauft. Eine Spezialität von Boesky, genannt „Ivan der Schreckliche“. Mit Boesky hatte Milken jahrelang viele Geschäfte gemacht.

Im November 1986 aber wird Boesky verhaftet. Giuliani rückt damit demjenigen auf den Pelz, den er seit Jahren erfolglos belauert hat: Milken. Denn Boesky kooperiert mit der Justiz, um selbst von einer Kronzeugenregelung zu profitieren und heil davonzukommen.

Bevor Milken aber vor Gericht landet, spielt er noch einmal eine Hauptrolle im letzten großen Knall des irren Jahrzehnts: der Übernahme des Nahrungsmittel- und Zigarettenhersteller RJR Nabisco 1988. Nach einer frenetischen Bieterschlacht erhält der Finanzinvestor KKR den Zuschlag für 25 Mrd. Dollar. 1 Mrd. Dollar kassieren Anwälte und Banken.

Boesky belastet derweil nicht nur Milken, sondern auch Drexel Burnham Lambert. Die Anklage lautet: Insiderhandel, Kursmanipulation, Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Die Bank zahlt in einem Vergleich 650 Mio. Dollar. Und sie feuert Milken.

Die Party geht zu Ende. Drexel rutscht in die Pleite. Aus Hochzinsanleihen werden wieder Schrottanleihen, für die es keine Kurse mehr gibt. Zwischen 1988 und 1990 vervierfachen sich die Ausfallraten auf über zehn Prozent. Dutzende Sparkassen geraten in Finanznot, der Steuerzahler muss einspringen.

Gegen Milken erhebt eine Jury im März 1989 Anklage wegen Erpressung, Steuerhinterziehung, Insiderhandels und Betrugs. Er macht einen Deal mit den Strafverfolgern und gesteht: sechs Fälle von Steuer- und Wertpapierbetrug, bei denen es im Wesentlichen um Formalien wie Veröffentlichungspflichten und das Parken von Aktien geht. Insiderhandel ist nicht dabei. Der Gesamtschaden wird mit nicht mal einer halben Million Dollar angesetzt. Milken wird zu zehn Jahren Gefängnis plus 1,1 Mrd. Dollar Vergleichsleistungen und lebenslangem Berufsverbot verurteilt.

Nach nur zwei Jahren darf er das Gefängnis verlassen – mit einem geschätzten Privatvermögen von über 1 Mrd. Dollar. Ein Vermögen, das Milken, der 1993 an Prostatakrebs erkrankt, seitdem großzügig für die Krebsforschung verteilt. 2004 taucht er dafür wieder auf dem Cover des „Time“-Magazins auf.

Ein Triumph für Milken, der bis heute um seinen Ruf kämpft. Gemessen an seinem gigantischen Reichtum lebt er bescheiden in einem für 700.000 Dollar erworbenen Haus im bürgerlichen Encino, seinem Geburtsort. Sein Privatleben schottet er konsequent ab.

Der Markt der Hochzinsanleihen hat sich seit dem Zusammenbruch 1990 wieder versiebenfacht. Gerade einmal zehn Prozent des Emissionsvolumens dienten im vergangenen Jahr Investitionen – der Rest der Refinanzierung, Aktienrückkäufen oder Übernahmen. Die Wall Street vergisst eben schnell.