Capital-History

Die großen BetrügerWie Michael Milken mit Ramschanleihen Kasse machte

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Es ist die Sonnenseite von Milkens Wirken, über die er selbst bis heute gern spricht: „Die sogenannten Ramschunternehmen haben zwischen 1970 und 2000 netto 62 Millionen Jobs in den USA geschaffen, während bei Firmen guter Bonität vier Millionen Jobs verschwanden“, schrieb er 2014 in einem Gastbeitrag für den Nachrichtendienst Bloomberg.

Es gibt aber auch eine Schattenseite. Und die wurde bereits 1984 unübersehbar. Denn Hochzinsanleihen dienten immer häufiger als Vehikel für schuldenfinanzierte Übernahmen. Nach dem Motto: Man gucke sich ein Unternehmen aus, übernehme es und bringe das dafür notwendige Geld über Anleihen auf. Deren Zins und Tilgung wiederum bürdet man dem übernommenen Unternehmen auf.

Weil niemand so schnell so viel Geld auftreiben kann wie Branchenpionier Milken, wird er für diese Raubzüge eine zentrale Figur. Zu seinen Kunden zählen Investoren wie Henry Kravis, T. Boone Pickens oder Carl Icahn. Milken sammelt für sie Finanzierungszusagen ein, garantiert strikt vertraulich. So munitioniert machen die Aufkäufer den Managern der Zielobjekte ein unmoralisches Angebot: Kooperiert, dann ist auch für euch etwas drin. Oder wir schlucken euch feindlich.

Milken wird ein Star. Doch 1983 interessiert sich erstmals ein ehrgeiziger US-Bundesstaatsanwalt für das Treiben: Rudolph Giuliani, später Bürgermeister der Finanzmetropole New York. Er betrachtet mit Argwohn, wie an der Wall Street ein immer größeres Rad gedreht wird.

Tatsächlich steht Milken schon länger unter Beobachtung der Wertpapieraufsicht. Ihr Problem: Das Vorgehen der Banken und Investoren ist oft moralisch angreifbar, aber selten justiziabel. Heerscharen von Anwälten sichern jedes noch so fragwürdige Geschäft ab.

Milken fühlt sich unangreifbar. Wie zum Trotz veranstaltet er jedes Jahr in Los Angeles seinen sündhaft teuren Ball für Investoren, Banker, Anwälte und Firmenlenker. „Raubtierkonferenz“ nennt der Volksmund die Treffen: weil dort beredet wird, welche Unternehmen man als nächstes filetieren möchte und welches Gerücht man gewinnbringend in Umlauf setzen könnte.

1986 schließlich knackt der Junk-Bond-Markt die 100-Mrd.-Dollar-Marke. Gier sei gut, erklärt Ivan Boesky, einer der aggressivsten Spekulanten seiner Zeit, in einer Rede an der Uni Berkeley. Milken und Co. sind die Posterboys der Finanzmagazine. Von ihren Opfern – Kleinanlegern, die keine Insidertipps hatten, und Angestellten, die nach schuldenfinanzierten Übernahmen ihre Jobs verloren – hört man dagegen wenig.

Optionen für die Familie

Galt es anfangs noch als gerade so akzeptabel, Unternehmen Schulden in Höhe von zwei Jahresgewinnen aufzubürden, lud man ihnen bald weit höhere Summen auf, die sie nur mit dem Verkauf von Firmenteilen oder Massenentlassungen schultern konnten. Oder beidem.

Milken verdiente mit, zum Beispiel mit Aktienoptionen, die angeblich für die Geldgeber bestimmt waren, aber in Wahrheit bei ihm, seiner Familie oder seinen Mitarbeitern landeten. So bei der Übernahme des Lebensmittelkonzerns Beatrice 1986, mit knapp 9 Mrd. Dollar die bis dato größte schuldenfinanzierte Übernahme. Später wurde der Konzern regelrecht zerfleddert.