Deutschland-CheckWie gut sind deutsche Aktien?

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Überflieger sind selten

Sollten sie aber. Denn auch am Aktienmarkt gilt das Paretoprinzip: Gerade einmal rund 20 Prozent der Aktien erwirtschaften rund 80 Prozent der Gesamtrendite. Wer nicht die wenigen Überflieger direkt hält oder über aktive Fonds oder Indexfonds abgreift, dem drohen herbe Enttäuschungen. Auf zwei bis vier Prozentpunkte pro Jahr taxieren Ökonomen die Renditeeinbuße durch eine Anlage Marke Eigenbau – eine eigene Titelauswahl, schlechtes Timing und zu viel Heimatverbundenheit.

Dass zwischen dem Image von Aktien und den tatsächlichen Renditen oft Welten liegen, zeigt auch eine Analyse des sogenannten CDax, des gesamten geregelten deutschen Aktienmarkts: Er umfasste vor 15 Jahren noch gut 700 Titel. Obwohl sich der Markt insgesamt seither annähernd verfünffachte, hat ein Drittel der Aktien ihren Haltern über diesen Zeitraum hinweg überhaupt keine Rendite eingebracht – inklusive Dividenden. Wer sich damals für eine einzige Aktie nach dem Zufallsprinzip entschieden hätte – etwa mit dem Wurf eines Dartpfeils auf einen Kurszettel –, hätte mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 30 Prozent eine Aktie erwischt, die von einem Sparbuch geschlagen worden wäre. Jede fünfte Aktie entpuppte sich als Quasitotalverlust. Lediglich mit einer Wahrscheinlichkeit von 14 Prozent hätten Anleger einen Überflieger erwischt, der sich verzehnfacht hat inklusive Dividenden.

Der Aktienfuchs

Fidel Helmer kennt solche Rechnungen nicht aus der grauen Theorie, sondern aus der Praxis. 1968 begann er seine Karriere als Wertpapierhändler, seit 1970 ist er in Frankfurt an der Börse, die längste Zeit als Leiter des Wertpapiergeschäfts der Bank Hauck & Aufhäuser und ihrer Vorgänger. Dass Anleger mit Einzelwerten spekulieren, bescherte ihm zwar lange gute Geschäfte. Gleichwohl hält er es für eine Lotterie. „Mit Einzelaktien können Sie Glück haben. Und wer es als Hobby für sein Spielgeld mag, der kann auch auf Einzeltitel spekulieren. Aber die Statistik und vor allem die Psychologie arbeiten gegen Sie“, sagt Helmer.

Sein Hauptargument: Mit Einzelaktien laufe ein Anleger viel eher Gefahr, die nötige Geduld und Disziplin aufzugeben, als mit einem breit gestreuten Fonds oder ETF. „Zum einen gibt es bei Unternehmen einen kontinuierlichen Nachrichtenfluss über Zahlen, Führungswechsel, mögliche Krisen wie aktuell in der Autobranche. Das verleitet Sie zu Aktivität, anstatt einfach mindestens ein Jahrzehnt zu halten.“ Zum anderen liege es in der Natur der Menschen, bei einem Kursanstieg schnelle zehn Prozent Gewinn mitzunehmen – aber bei Verlusten abzuwarten, ob sich der Kurs denn noch erhole. Es droht der Dispositionseffekt: Privatanleger halten zu lange an verlustträchtigen Positionen fest, die Profis rascher liquidieren würden. Helmers Rat: „In einer globalisierten Welt muss ich mich global engagieren.“

Zwar teilen nicht alle Profis diese Einstellung. „Wer heute bei einem Engagement in große deutsche Standardwerte von Home-Bias redet, hat nichts verstanden – die Konzerne sind längst globalisiert, produzieren und verkaufen weltweit“, sagt etwa Roger Peeters, Co-Berater eines der besten deutschen Aktienfonds der letzten zehn Jahre. Zudem sei eine Quote von 70 Prozent, die Anleger im Land angelegt haben, eine deutliche Verbesserung gegenüber den frühen 90er-Jahren, als der Anteil noch bei weit über 90 Prozent lag. Und tatsächlich: Gut drei Viertel ihrer Erlöse erzielen Dax-Konzerne im Ausland, quasi eine natürliche Diversifikation.

 

Doch auch diese Betrachtung hat Tücken: „Die Falle ist, dass die Entwicklung der Aktienkurse häufig stark mit der des heimischen Aktienmarkts korreliert, ganz unabhängig davon, wo ein Unternehmen seine Geschäfte macht“, sagt Bill McNabb, Chef des US-Indexfondsanbieters Vanguard. Die Aktien eines Landes gerieten schnell in Sippenhaft und zeigten genau dann keinen Diversifikationseffekt, wenn man ihn am nötigsten brauche: in Krisen.

Simple Vergleiche zeigen den hohen Preis des Home-Bias: So haben Aktien in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren (bis ins dritte Quartal 2017) im Schnitt real gerade einmal ein halbes Prozent pro Jahr zur Vermögensbildung beigetragen. Die oft als Renditegräber verschrieenen Versicherungen lieferten rund doppelt so viel ab. Dazu passt, dass in den vergangenen 20 Jahren die 30 Werte des Dax ohne Dividenden 48 Prozent zulegen konnten, der globale Aktienindex MSCI World hingegen 91 Prozent, der US-Index Dow Jones sogar 161 Prozent und der Schwellenländerindex MSCI Emerging Markets 166 Prozent.

Doch wie hoch sollte eine Auslandsquote im Aktiendepot gemessen an den tatsächlichen Größenverhältnissen der globalen Aktienmärkte dann sein?