Deutschland-CheckWie gut sind deutsche Aktien?

Seite: 2 von 4

Der Altmeister ist besorgt

Wie viel trister, das erklärt Jens Ehrhardt an einem sonnigen Maimorgen in Pullach. Vor den Fenstern seiner Dr. Jens Ehrhardt (DJE) AG ploppen die Tennisbälle des benachbarten TC Großhesselohe hin und her, dahinter schlängelt sich malerisch die Isar vorbei. Die Nobelvorort-Atmosphäre ist durchaus gewollt: „Das macht den Blick freier, anstatt auf Hochhäuser in Frankfurt oder London zu starren“, sagt Ehrhardt.

Die pittoreske Umgebung steht in harschem Kontrast zur näselnden Besorgnis, die der gebürtige Hamburger Ehrhardt zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Zinsen, China, Trump, Handelskrieg, Ende der Liquidität – eine halbe Stunde bringt Ehrhardt locker ein Dutzend Bedrohungen für Anleger unter. In seinen 50 Berufsjahren als Fondsmanager und Vermögensverwalter hat er oft genug gesehen, wie rasch sich der Wind drehen kann.

Ehrhardt holt einen Chart raus: den Dax-Kursindex. Also den deutschen Aktienindex, nur ohne die Dividenden. Auf dem Höhepunkt des vorletzten Börsenzyklus im Jahr 2000 stand er bei 6000 Punkten. Auf dem Höhepunkt des letzten 2007 dann wieder bei 4000. Und heute? Ist er wieder bei knapp 6000. Das bedeutet: Selbst mit einer breit gestreuten Anlage in den Index haben viele Investoren in Deutschland nur die Dividenden verdient. Deutsche Anleger, sagt Ehrhardt, „jagen Trends eher einmal hinterher, statt ihnen zuvorzukommen“.

Für die Heimatliebe bei der Geldanlage gebe es laut Ehrhardt gewachsene historische Gründe: „Die D-Mark war jahrzehntelang eine der stärksten Währungen der Welt. Das heißt im Umkehrschluss, dass Privatanleger im Ausland stets gegen Währungsverluste rudern mussten“, sagt Ehrhardt. Also blieb man lieber im eigenen Land.

Jetzt, so fürchtet Ehrhardt, sei die Situation umgekehrt. „Der Euro ist viel schwächer, als er für Deutschland angemessen wäre, und die Zinsen sind viel niedriger. Beides sorgt für extrem starke Wachstumsimpulse, die sich aber weder für die Volkswirtschaft noch die Konzerne so fortschreiben lassen“, warnt Ehrhardt. Weil deutsche Unternehmen stark vom Export abhingen, sei auch der Aktienmarkt anfällig für globale Turbulenzen.

Exklusive Auswertung

Wie stark der Hang zur Anlage im eigenen Land ist, zeigt eine exklusive Auswertung der Consorsbank für Capital. Die Direktbank wollte wissen, welche Aktien ihre 1,5 Millionen Kunden hierzulande am liebsten halten, und hat dazu ihre rund 50 Mrd. Euro Vermögen anonymisiert ausgewertet. Unter den zehn beliebtesten Aktien sind ausschließlich deutsche Konzerne. Und gerade einmal zwei von ihnen – BASF und SAP – notieren heute auf einem deutlich höheren Kursniveau als im Frühjahr 2000, dem letzten großen Börsenboom in diesem Land. Acht Werte liegen hingegen deutlich darunter: Eon 40 Prozent, die Allianz 50 Prozent, die Telekom 60 Prozent, die Deutsche Bank 80 Prozent. Und das nach 18 Jahren.

„Wir haben nun mal eine Präferenz für Dinge, die uns bekannt vorkommen“, erklärt Vanguard-Chef Bill McNabb den Home-Bias, den man laut Studien sogar in Portfolios von Profianlegern findet. Angesichts der Unsicherheit über Geopolitik, Geldpolitik und Konjunktur sei es „verständlich, dass man mit dem Geld lieber zu Hause bleibt, um sich vermeintlich nicht weitere Risiken ins Depot zu laden“.

Dass sich zwischen den Renditen, die sich aus Aktienindizes wie dem Dax und dem S&P 500 ergeben, und den Privatanlegerdepots eine Kluft auftut, hat für Fondsmanager Ehrhardt einen simplen Grund: „Die Indizes werden fortlaufend aktualisiert, schlecht laufende Unternehmen entfernt. Eine solche Disziplin haben Anleger in der Praxis selten.“