Capital-History

Die großen BetrügerWie ein Mann mit Ramschanleihen Millionen machte

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Eigensinniges Kind

Schon in der Grundschule tat sich Milken als kritischer Geist hervor. Der hochbegabte Knirps weigerte sich, die ständigen „Duck and Cover“-Übungen mitzumachen, bei denen sich die Kinder unter dem Tisch vor einem Atombombenangriff der Russen in Sicherheit bringen sollten. Die Lehrerin gab schließlich nach – damit Milken aufhörte, den Rest der Klasse von der Sinnlosigkeit der Übung zu überzeugen.

Als Elfjähriger bot er dem US-Präsidenten per Brief seine Dienste an: Er stünde als Leiter des US-Weltraumprogramms zur Verfügung, um die russische Überlegenheit zu brechen. Er habe hervorragende naturwissenschaftliche Kenntnisse und diese durch Comiclektüre vertieft.

Milkens Beharrlichkeit und Selbstbewusstsein hätten ihm in jedem Beruf Erfolg gebracht, in dem andere überzeugt werden müssen, und sei es als Fernsehprediger, schreibt der Bestsellerautor Michael Lewis in seinem 1989 erschienenen Klassiker „Wall Street Poker“.

Sein Wirtschaftsstudium beendete Milken 1970 mit Bestnoten. Schon vor dem Abschluss war er auf eine verstaubte Studie des US-Notenbankers W. Braddock Hickman gestoßen, der sich die Entwicklung von Unternehmensanleihen über mehrere Jahrzehnte angesehen hatte. Hickman machte eine merkwürdige Beobachtung: Rechnete man Zinsen und Kursentwicklung zusammen, warfen die Anleihen von in Schwierigkeiten geratenen US-Unternehmen verlässlich höhere Renditen ab als die solventer Firmen. Obendrein gingen Firmen 30-mal seltener pleite als Staaten. Offenbar überschätzten die Käufer und Halter die Pleiterisiken von Firmenanleihen dramatisch.

Die Bezeichnung Ramsch- oder Hochzinsanleihen existierte seinerzeit noch gar nicht. Anleihen begeben konnten in den USA grundsätzlich nur Unternehmen guter Bonität, schlechte Firmen waren vom Markt schlicht abgeschnitten. Stand die Solvenz infrage oder fielen gar Zinszahlungen aus, kollabierten auch die Kurse der Anleihen, die fortan als „Schrottpapiere“ galten. Sie waren das, was niemand mehr haben wollte, was kaum noch gehandelt wurde.

Milken war fasziniert. Wenn diese Papiere selbst über die große Depression und zwei Weltkriege hinweg überdurchschnittlich abschnitten, warum kaufte niemand sie auf?

Der Markt der Schrottpapiere war 1970 mit 6 Mrd. Dollar Volumen so klein, dass sich kaum ein Investor oder eine Bank dafür interessierte. Ein einzelnes Unternehmen – IBM – war zehnmal größer als der komplette Ramschanleihemarkt.

Also fing der junge Akademiker bei einer drittklassigen Investmentbank in New York an, die er überreden konnte, in das Segment einzusteigen: Drexel. „Nein, so einen Kram handeln wir nicht, ruf Drexel an“, hieß es fortan bei der hochnäsigen Konkurrenz, wenn es um Ramschpapiere ging.

Milken, glaubt der ehemalige Investmentbanker Lewis, vereinte zwei Eigenschaften, die sich eigentlich widersprechen: den Instinkt des Händlers für kurzfristige Profite. Und die Standhaftigkeit des Investors, der trotz aller Widerstände an dem festhält, woran er glaubt.

Milken glaubte daran: dass nicht er der Geisterfahrer im Markt ist. Sondern dass alle anderen auf der falschen Spur fahren. Dass er sein Handelsbudget von 100 Mio. Dollar 1975 mal eben verdoppelt, verbessert sein Standing bei Drexel Burnham Lambert, wie die Bank nun heißt, dramatisch.

Zwar ist sein Markt noch immer klein – aber er wächst rasant. Was in erster Linie Milkens Verkaufstalent zu verdanken ist, und das, obwohl das Gros der Investoren wegen der galoppierenden Inflation auf Rohstoffe und Immobilien schwört, nicht auf Anleihen mieser Schuldner, die Kasinos bauen wollen.