Capital-History

Die großen BetrügerWie ein Mann mit Ramschanleihen Millionen machte

Michael Milken verlässt 1989 das Gerichtsgebäude in New York. Von zehn Jahren Haft sitzt er nur zwei ab
Michael Milken verlässt 1989 das Gerichtsgebäude in New York. Von zehn Jahren Haft sitzt er nur zwei abGetty Images

Als Steve Wynn 36 Jahre alt ist, hat er große Pläne, viele Schulden, aber kaum Cash. 100 Mio. Dollar braucht er für seinen Traum, gleich mehrere Kasinos in Atlantic City. Da meldet sich ein Verwandter mit einem Tipp: Michael Milken solle er mal treffen, der Mann treibe sogar Geld für Leute ein, die bei Banken nicht mal durch die Tür kämen.

Also macht Wynn einen Termin mit dem Mann, über den an der Wall Street so viele reden, aber den kaum einer je gesehen hat. Es ist ein heißer Sommertag 1978, als er Milkens Arbeitgeber in Los Angeles, die Investmentbank Drexel Burnham Lambert, betritt. Sofort huscht ein junger Assistent heran, fragt nach Getränkewünschen und verschwindet, um eine Cola zu holen.

Nett sind sie hier, denkt sich Wynn. Gar nicht so aggressiv, wie alle sagen. Wie dann wohl der große Milken selbst ist, fragt er seinen Begleiter. „Aber Steve, das war doch gerade Michael Milken“, antwortet der.

Milken ist 32 Jahre alt, aber sieht aus wie 20 – auch dank eines Toupets, das üppigen schwarzen Haarwuchs suggeriert. Überhaupt scheint der Banker jemand zu sein, der gerne etwas dicker aufträgt. Er solle lieber gleich in größeren Dimensionen planen, rät er Wynn. „Wenn du denkst, du bräuchtest 100 Mio. Dollar, weil du eine gute Idee hast, warum nimmst du dann keine 140 auf?“, fragt Milken.

Mehr von allem, so ging das 20 Jahre lang in Milkens Geschäft: dem Handel mit sogenannten Ramschanleihen. Er sammelte Geld für Leute, die anderswo keines bekamen. Dafür verkaufte er Anlegern, die heiß waren auf Rendite, Anleihen und schuf ein ganz eigenes Anlagesegment: das der Ramschanleihe. Milkens Geschäft operierte stets hart am Rand, mal lief es atemberaubend gut, mal stürzte es ab.

1986 verdiente er rund 550 Mio. Dollar, in einem einzigen Jahr. Vier Jahre später saß er im Gefängnis und füllte Salzstreuer.

Für die einen verkörpert Milken die Amoral und Gier an den Finanzmärkten der 80er-Jahre. Für andere ist er bis heute ein Heilsbringer, der Unternehmen zu Geld verhalf und dem Millionen Jobs zu verdanken sind. Wahrscheinlich haben beide Seiten recht: In seinem Buch über die größten Finanzskandale schreibt der US-Autor Scott MacDonald, hinter Finanzverbrechen steckten immer Menschen, die Grenzen austesten. Die Grenzen des Markts, der Gesetze, der ungeschriebenen Regeln.

Milken hat diese Grenzen nicht nur ausgetestet. Sondern selbst definiert, was akzeptabel ist: an Gehalt, Gebühren, an Verschuldungsniveau von Firmen, an Kreditwürdigkeit.