AltersvorsorgeWie der Staat uns zu Aktien-Sparern machen könnte

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Opt-out-Modelle funktionieren besser

In Großbritannien läuft es genau anders herum, nämlich voll privat: Dort zahlt der Staat auch eine Grundrente aus dem Umlageverfahren. Zusätzlich aber gibt es die betriebliche Altersvorsorge, bei der jeder automatisch mitmacht, sofern er sich nicht dagegen wehrt. Fünf Prozent seines Bruttogehalts zahlt dann jeder Beschäftigte ein, weitere drei Prozent legt der Betrieb obendrauf. Das Geld fließt dann in Fonds. Zuletzt warf das Betriebsrentensystem zwischen fünf und acht Prozent Rendite jährlich ab. Insgesamt ist die britische Betriebsrente etwa noch einmal so hoch wie die staatliche Rente. Zudem sparen noch 25 Prozent steuerbegünstigt in private Sparverträge ein. Wieder andere Staaten organisieren es, indem sie eine staatliche Gelderverteilung zusätzlich zur privaten Anlage anbieten, Schweden etwa.

Ein weiteres Argument der deutschen Gegner ist: Ob es denn nicht schon genügend Anlageprodukte hierzulande gäbe, mit denen jeder auf eigene Faust tätig werden könne – und ob man die Menschen da wirklich zur Aktienanlage zwingen müsste? Freilich gibt es haufenweise Produkte, wie in allen anderen Ländern auch. Viele niedrigverzinste vor allem oder staatlich geförderte Verträge, die kaum Rendite abwerfen. Das Problem ist zudem, so wissen Verhaltensökonomen längst: Die Menschen stehen vor all diesen Möglichkeiten und können sich trotzdem nicht dazu durchringen. Das beweisen gerade die aktuellen Zahlen zu jungen Sparern unter 30 Jahren: Fragt man Berufseinsteiger, wie viele von ihnen eine betriebliche Altersvorsorge haben, dann sagt zwar gut jeder Dritte von denen, die überhaupt sparen: „Ja, habe ich“. Fragt man aber, wie viele von ihnen mitmachen würden, wenn es ein automatisches Sparen über den Arbeitgeber gäbe, bei dem man dabei wäre, sofern man sich nicht abmeldet, so sagen überwältigende 92 Prozent: „Super, ich bin dabei.“

Dass die Leute es nicht nur sagen, sondern bei solchen Opt-out-Modellen, wie sie in der Fachsprache heißen, auch tatsächlich häufiger mitmachen, das beweisen die Zahlen aus England: Seit dort automatisch jeder an der betrieblichen Vorsorge teilnimmt, wenn er nicht dagegen votiert, stieg die Zahl der Betriebsvorsorgesparer von 55 auf 84 Prozent – und das innerhalb von nur drei Jahren seit 2015. Bei den Jüngeren verdreifachte sich die Quote sogar auf 72 Prozent. Woran das liegt? Verhaltensökonomen erklären es so: Jede Entscheidung, die „voreingestellt“ ist, fällt uns leichter. Sagt man uns also: Sparen ist gut, aber Du kannst Dich auch dagegen entscheiden – dann sparen wir. Dreht man es um und sagt: Sparen ist natürlich keine Pflicht, aber Du kannst es auch tun – dann lassen wir es eher.

Die Renditen stimmen

Bleibt noch ein Argument: Wie sinnvoll ist es, das viele Geld am Kapitalmarkt anzulegen? Und könnten die Leute es nicht selber besser als der Staat oder irgendein Vorsorgeunternehmen? Auch dazu gibt es spannende Fakten, zuerst aus Schweden: Dort fließt das Geld – wenn der Einzahler es nicht anders verfügt – in bestimmte Standardfonds, also in weltweit investierende Indexfonds mit geringen Kosten. Aber jeder Beschäftigte kann sich auch selbst aktiv einen ganz anderen Fonds aussuchen. Auswertungen haben belegt: Die Beschäftigten mit der Standardanlage fahren tatsächlich höhere Renditen ein als die Selberwähler. So schlecht kann die staatliche Vorauswahl also offensichtlich nicht sein.

Die anderen Zahlen stammen sogar aus Deutschland und beantworten die Frage: Wie sicher ist es, das Geld am Kapitalmarkt anzulegen? Natürlich schwanken die Börsen und Fondskurse. Das mussten auch die Schweden direkt nach Einführung ihres Systems vor knapp 20 Jahren erfahren: Minus sieben Prozent, minus elf Prozent, minus 22 Prozent, so viel verlor der Standardfonds kurz nach seiner Einführung. Das hätte hierzulande wohl einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Was machten die Schweden? Ihn einfach weiterlaufen lassen, was das einzig Richtige war. Heute kommen sie auf 20-Jahressicht auf 9 Prozent Plus pro Jahr. Der Aktienmarkt gleicht schließlich alle Dellen irgendwann wieder aus. Bisher war das so in den vergangenen über 100 Jahren.

Für Deutschland sähe die Bilanz so aus: Hätten die Bundesbürger bereits 1969 begonnen, einen staatlich unterstützten Aktiensparplan aufzusetzen, so hätte der Ertrag über jeden beliebigen 20-Jahres-Zeitraum im schlimmsten Fall bei 4,7 Prozent Rendite jährlich gelegen. Im besten Fall sogar bei 16 Prozent Ertrag. Im Schnitt wären es 9 Prozent gewesen. Wer sogar 30 Jahre gespart hätte, hätte 6,3 Prozent im schlechtesten Fall erzielt, 13 Prozent im besten Fall und 8,9 Prozent im Schnitt.

Wie viel das insgesamt an Altersvermögen bedeuten würde? Nehmen wir an, ein Beschäftigter hätte auch nur 50 Euro monatlich eingezahlt, 30 Jahre lang (also 18.000 Euro) und zwar im Zeitraum zwischen 1969 und heute. Mit Bundesanleihen läge sein Endvermögen im Schnitt bei knapp 20.000 Euro. In der staatlichen Rentenkasse hätte es sich auf 29.000 Euro erhöht. Hätte er es aber auf den deutschen Aktienindex Dax 30 gesetzt, hielte er im schlechtesten Fall 51.700 Euro in der Hand, im Schnitt ginge er mit 84.000 Euro aus dem Aktienmarkt. Und im besten Falle hätte er sogar 195.000 Euro für die Rente. Gibt es wirklich eine staatliche Rentenkasse, die mehr bieten kann? Mit solchen Summen könnte man sich auch deutsche Sparer künftig als glückliche Rentner vorstellen.