PleiteWie der Containerspezialist P&R in Seenot geriet

Bei der Havarie der „Rena“ gingen 2011 vor Neuseeland rund 100 Container über Bord. Etwa 1,25 Millionen solcher Transportbehälter gehören P&R-Anlegern – jedenfalls auf dem Papier
Bei der Havarie der „Rena“ gingen 2011 vor Neuseeland rund 100 Container über Bord. Etwa 1,25 Millionen solcher Transportbehälter gehören P&R-Anlegern – jedenfalls auf dem Papier. In der Realität existierten viele von ihnen nichtGetty Images

100 Prozent. So steht es in den Verkaufsprospekten. So steht es in den Stellungnahmen der Wirtschaftsprüfer. Und so haben es über vier Jahrzehnte hinweg auch alle Anleger erlebt. Stets zu 100 Prozent ist die P&R-Gruppe ihren vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Anlegern nachgekommen – nie über Plan, aber auch nie darunter. Es gab keine Aussetzer bei den P&R-Containerinvestments, nicht in all den Rezessionen seit der Firmengründung im Jahr 1975, nicht einmal in der Finanzkrise ab 2007.

Für Menschen, heißt es, ist es gut, wenn sie gelegentlich krank werden. Sind sie es nie, ist Vorsicht geboten, dann stimmt etwas nicht. Solche Menschen erwischt es irgendwann richtig. Im schlimmsten Fall fallen sie ohne Vorwarnung tot um.

So wie P&R. Nie hatte das Geschäftsmodell des Unternehmens irgendwelche Krankheitssymptome gezeigt. Der Konzern mit Hauptsitz in Grünwald bei München verkaufte Anlegern Standardcontainer, wie sie vor allem auf Schiffen eingesetzt werden, und vermietete sie weiter an Reedereien. Die Anleger kassierten dafür Mieten, und am Ende der meist fünfjährigen Investitionslaufzeit bekamen sie den Restwert zurück.

So lief das 42 Jahre und drei Monate lang ohne Ausfälle. Die ersten Gerüchte über ausbleibende Zahlungen kursierten erst wenige Tage vor dem Kollaps – zu spät, um noch etwas retten zu können. Am 15. März stellten die für Anleger wichtigsten Gesellschaften des Unternehmens einen Insolvenzantrag. Aus heiterem Himmel fiel P&R tot um.

Etwa 50.000 Anleger bangen seitdem um ihre Containerdirektanlagen. Sie haben rund 3,5 Mrd. Euro investiert – damit steht mehr Geld auf dem Spiel als bei allen großen deutschen Kleinanlegerpleiten des letzten Jahrzehnts zusammengenommen: Lehman-Zertifikate, die Kaupthing-Bank, der Windkraftkonzern Prokon, die Immobilientricksereien von S&K.

Der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffé steht nun vor der Aufgabe, rund 1,6 Millionen quer durch die Welt verstreuten Containern nachzuspüren. Knapp fünf Prozent dieser global eingesetzten Behälter gehören auf dem Papier deutschen P&R-Anlegern – nebeneinandergestellt ergäben sie eine Kette von Kopenhagen bis Palermo. Bislang aufgetrieben hat der Insolvenzverwalter lediglich 600.000. „Diese enorme Bestandsdifferenz hatte sich nach den vorliegenden Erkenntnissen über Jahre hinweg aufgebaut“, so der vorläufiger Insolvenzverwalter in einer Mitteilung Mitte Mai.

Typisch deutsche Anlage

Was ging schief bei diesem Geschäft, das doch lange wie eine Art Musterlösung für die Bedürfnisse deutscher Anleger wirkte? Alle Zutaten schienen zu stimmen: ein Sachwert mit eingebautem Inflationsschutz; ein Unternehmen, das vom globalisierten Warenverkehr profitierte; garantierte Mieten, garantierte Rückkäufe, keine Kredite – alles wurde mit Eigenkapital gekauft und war „versichert“. Zudem schwankte der Wert der Beteiligung nicht an der Börse. „P&R-Container“, so fasst es ein Vertriebsexperte einer großen deutschen Bank zusammen, „verbanden die positiven Eigenschaften eines Sparbuchs, nämlich Sicherheit und Garantien, mit denen einer Immobilie, nämlich Mietzahlungen und Inflationsschutz. Damit kann kaum ein anderes Produkt konkurrieren.“

Mindestens zwei Container mussten P&R-Anleger in der Praxis erwerben, der Grundanlagebetrag lag damit bei rund 3000 Euro. Für die Reedereien, denen P&R die Transportbehälter über Tochtergesellschaften vermietete, war das Geschäft attraktiv, weil sie nicht in eigene Container investieren mussten, sondern sie je nach Bedarf flexibel buchen konnten – rund die Hälfte der weltweit eingesetzten Container sind aus diesem Grund gemietet. Die Anleger wiederum liebten den Sammelcharakter ihres Investments: Es kam nicht darauf an, ob P&R den Container eines bestimmten Eigentümers vermietet bekam oder nicht, stattdessen wurden die Mieten aus dem Investitionspool bezahlt. In Aussicht gestellt wurde Anlegern zudem, ihnen die Container nach Ablauf der typischen Investitionslaufzeit von fünf Jahren auf Wunsch wieder abzukaufen. Auf rund fünf Prozent Rendite pro Jahr lief dieses Geschäft zuletzt hinaus. Kein übermäßiger Wert, aber ein scheinbar sicheres, weil reales Investment.

So weit die Theorie. In der Praxis aber sind Sachwertanlagen über Fonds für Anleger schon seit den 70er-Jahren ein Desaster. Eine Untersuchung der Stiftung Warentest aller 1200 zwischen 1972 und 2015 in Deutschland aufgelegten geschlossenen Fonds für Beteiligungen aller Art offenbarte 2016 ein Bild des Grauens. 94 Prozent verfehlten ihre Prognosen. Statt eines Gewinns von zusammen 15 Mrd. Euro fielen Verluste von mehr als 4 Mrd. Euro an.

94 Prozent – die Zahl ist wichtig, um das Phänomen P&R zu verstehen. In einem Umfeld, in dem Planverfehlungen oder gar Pleiten keine Ausnahme, sondern die Regel sind, zahlte der Konzern seinen Anlegern jahrzehntelang pünktlich die vereinbarte Containermiete. Es war, als habe man in einem Problemviertel mit notorisch säumigen Mietern das einzige Haus erworben, in dem sämtliche Bewohner pünktlich zum Monatsersten auf den Cent genau ihre Miete begleichen.

Wer würde eine solche Anlage nach fünf Jahren nicht gleich erneuern, selbst wenn um einen herum die Welt im Chaos geplatzter New-Economy-Blasen und Weltwirtschaftskrisen versinkt? „Über lange Zeit sind fast alle auslaufenden Containerinvestitionen von Anlegern sofort wieder als Neuanlage verlängert worden“, sagt Rechtsanwalt HG Pinkernell, Spezialist für Kapitalanlagerecht aus Hamburg.

„40 Jahre hat doch alles gut funktioniert“

Folglich wuchs die Gesellschaft – und mit ihr das verwaltete Anlagevolumen. 1999 wurde nach eigenen Angaben die Milliardengrenze geknackt, gut zehn Jahre später sammelte P&R diese Summe bereits binnen eines Jahres neu ein, gespeist vor allem aus Wiederanlagen. „In vielen Familien wurden P&R-Containeranlagen von Generation zu Generation weitergereicht“, so Pinkernell.

In privaten Mailverteilern, in denen sich nun Betroffene organisieren, offenbart sich das Ausmaß des Dramas. „Wir sind seit 2003 engagiert und haben uns entschieden, unsere Altersversorgung darauf aufzubauen“, klagt Maria P. aus München. „Wir sind mit 120.000 Euro dabei, das Geld sollte eigentlich die Ausbildung der Kinder finanzieren“, schreibt Egbert W. Anfang April. Und immer wieder versichern Menschen fassungslos, wie unvorbereitet der Absturz sie traf. „40 Jahre hat doch alles gut funktioniert.“ – „Bei Betrug wäre die ganze Sache doch schon viel früher hochgegangen.“ – „Bei uns wurde immer alles problemlos abgewickelt.“

Problemlos? Das galt vielleicht für die Zahlungen an Anleger. Auf dem Containermarkt indes trübte sich das Vermietungsgeschäft ab 2012 zunehmend ein. Wegen sinkender Stahlpreise und chinesischer Überkapazitäten stürzte der Preis für neue Standardcontainer mit 20 Fuß Länge laut Zahlen des Forschungsinstituts Drewry innerhalb von fünf Jahren von knapp 2500 auf 1500 Dollar ab. Entsprechend brachen auch die Anschaffungskosten für Gebrauchtcontainer zwischen 2011 und 2016 um 70 Prozent ein – und die Mietpreise um rund 40 Prozent. Anbieter wie P&R gerieten damit gleich von zwei Seiten in die Zange: Während sie am Markt geringere Mieterlöse erzielten, erwiesen sich gleichzeitig die Rückkaufpreise für Gebrauchtcontainer, die sie ihren Anlegern für auslaufende Investments in Aussicht gestellt hatten, als zu optimistisch kalkuliert.

Eine Bank wird skeptisch

Wie sehr dieser operative Gegenwind P&R traf, konnten Anleger allerdings nicht einmal erahnen. Die Rahmendaten, die es gebraucht hätte, um die finanzielle Leistungsfähigkeit des Konzerns zu beurteilen, gab es nämlich schlicht nicht. Selbst vor der Marktflaute ab 2011 konnte niemand überprüfen, wie plausibel die zugesicherten Renditen eigentlich waren. Die deutsche Gesellschaft, der Anleger ihre Container abkauften, reichte diese weiter an eine Schweizer Holding, die sich um die Bewirtschaftung kümmerte. Zu ihrer persönlichen Beruhigung konnten Anleger zwar zehnstellige Identifikationsnummern erfragen, mit denen sich ihre individuellen Container theoretisch weltweit orten ließen. Doch in der Praxis kümmerten diese Nummern keinen Leasingnehmer oder Mieter. Kurz: Die Anlage verschwand in einem schwarzen Loch – aus dem allerdings Jahr für Jahr vermeintlich verlässliche Mietzahlungen sprudelten.

„Der Kaufvertrag und die Dokumentation für P&R-Container umfassten bis 2016 in der Regel zwei bis vier Seiten“, sagt Marc Gericke, Rechtsanwalt der auf Kapitalmarktthemen spezialisierten Kanzlei Göddecke in Siegburg – und das in Zeiten, in denen Kunden bei Bankberatungsgesprächen eine Schubkarre für die Dokumentationspapiere brauchen. Bei P&R bekamen sie nicht viel mehr als unverbindliche Angaben über die Zahl der Investoren und Container, die Summe der Mietzahlungen sowie ein paar vage Marktdaten.

Dabei präsentierte sich P&R nach außen als biederer Mittelständler. „Ein konservatives Unternehmen trifft auf vernünftige Anleger“, hieß es 2013 in einer Selbstbeschreibung. Man verfolge eine „konservativ-bodenständige Firmenpolitik“, stand 2016 in einem Kundenbrief.

Ein Schneeballsystem?

Doch hinter den Kulissen agierte P&R anders. Dass der Konzern stets zahlte, machte ihn zu einem Liebling der Anlageberater. Die allerdings mussten, wenn sie mit P&R ins Geschäft kommen wollten, eine sogenannte Exklusivitätsvereinbarung unterzeichnen, die ihnen Deals mit Wettbewerbern wie Solvium, CH2 oder Magellan untersagte. „Der Vertriebspartner verpflichtet sich, während der Dauer dieses Vertrages in keiner Weise (…) im Containerbereich tätige Dritte zu vertreten oder für sie tätig zu sein“, heißt es in dem Papier, das Capital vorliegt.

Viele Berater ließen sich gerne auf solche Knebelvereinbarungen ein, solange die stille Post von der rentablen Containeranlage funktionierte. Denn gerade auch vermögendere Anleger flüsterten sich zwischen Golfplatz und Tennisclub zu, sie seien von P&R nie enttäuscht worden. „Perpetuierung vergangener Gewinne“ nennen Verhaltensökonomen das Phänomen: Wo immer Geld floss, wird auch künftig welches fließen, so der Trugschluss.

Nur wenige witterten, dass bei P&R etwas schieflief. Als eine größere Privatbank erwog, ihren Anlegern Containerinvestments zu empfehlen, ließ sie P&R von hauseigenen Spezialisten durchleuchten – die zu haarsträubenden Ergebnissen kamen. „Unsere Analyse ergibt ein hohes Maß an Intransparenz“, heißt es in einer internen Mail. „Die ausgewiesenen Marktpreise beim An- und Verkauf der Container sind nicht plausibel, die Wertigkeit der Garantien fragwürdig, der Verbleib der Cashflows und Überschüsse unklar. Wegen dieser Anzeichen und der Investitionszyklen besteht der Verdacht auf ein Schneeballsystem, wir halten uns fern.“

Andere Banken waren weniger zimperlich. Nach Capital-Informationen lief der Großteil des Vertriebs zwar über freie Berater oder sogenannte Vermittlerpools. Aber auch Sparkassen, Volksbanken und Privatinstitute für Gutbetuchte hatten keine Bedenken, P&R ihren Kunden zu empfehlen. „Kaufen Sie einen Container! Profitieren Sie von hohen Renditen!“, trommelte die Volksbank Emmerich 2015 in ihrem Jahresbericht. Auch die Postbank und die Privatbank Donner & Reuschel vertrieben P&R-Container, ebenso wie nach Capital-Informationen eine auf vermögende Kunden und Mittelständler spezialisierte Bank in Süddeutschland. Letztere lehnte eine Stellungnahme ab. Die Postbank gibt lediglich an, den Vertrieb von P&R-Containern 2012 eingestellt zu haben. Donner & Reuschel erklärt: „Seit Mitte 2010 werden P&R-Container bei uns nicht mehr aktiv beraten.“

Das war in vielen Fällen aber auch gar nicht mehr nötig, denn typischerweise überredete P&R die Kunden nach Ende der Laufzeit gleich selbst zur Neuanlage. Ein steter Unterton der Knappheit – viele Interessenten, wenige Container – half Zögernden dabei auf die Sprünge.

Erste Krisenzeichen

Gleichwohl waren in diesem Kreislauf spätestens ab 2016 deutliche Knirschgeräusche wahrzunehmen, wenn man denn hinhörte. Da war etwa der Rivale Magellan, der 2016 ein Opfer der erschwerten Marktlage wurde und mit dem gleichen Geschäftsmodell pleiteging. Da waren die Platzierungsvolumina von P&R, die von einst 1 Mrd. Euro auf nur noch 440 Mio. Euro im Jahr 2017 sanken. Da war die Pleite des südkoreanischen Großreeders Hanjin, die 2016 Zahlungsausfälle und eine teure Jagd auf an Hanjin vermietete Container auslöste.

Nicht zuletzt waren da die Regulierer in Berlin und Frankfurt, denen es allmählich dann doch zu heiß wurde, dass da ein verschachteltes Unternehmen aus Grünwald Milliarden von Zehntausenden Anlegern einsammelte, um sie in die Schweiz zu verschieben und von dort in die ganze Welt zu pusten. Mit einer branchenintern „Lex P&R“ genannten Gesetzesinitiative wurde der Konzern 2017 der sogenannten Prospektpflicht unterworfen: Fortan mussten Anlegern Angaben über Marktkalkulationen, Risiken und die Mittelverwendung in einem Wertpapierprospekt vorgelegt werden.

Und der enthielt nichts anderes als Sprengstoff. Denn aus den nunmehr offengelegten Kalkulationen ließ sich ablesen, was Kritiker seit Langem vermuteten: P&R zahlte seinen Anlegern mehr an Mieten aus, als am Markt erwirtschaftet werden konnte. „So entstanden zwischen 2014 und 2016 im Durchschnitt über 170 Mio. Euro Unterdeckung aus der Endvermietung“, urteilt der Beteiligungsexperte Stefan Loipfinger, Autor des Buchs „Achtung, Anlegerfallen!“. Woher aber, wenn nicht vom Markt, kam dann das Geld für die Mietzahlungen? Aus Reserven, behauptete man noch 2017 bei P&R. Loipfinger hat dazu eine ähnliche These wie die Prüfer der größeren Privatbank: „Das wirft die Frage auf, wie abhängig das P&R-Geschäftsmodell vom Neugeschäft ist“.

Noch bis kurz vor der Insolvenz versuchte P&R, neue Gelder von Investoren einzuwerben. Doch auch das half nicht mehr. Ab Ende Februar blieben erstmals Miet- und Rückkaufszahlungen aus. Kurz darauf stellte P&R den Vertrieb ein, am 15. März waren die wichtigsten Konzernteile insolvent. Nun schweigt die Gesellschaft, bei Anfragen verweist sie auf den Insolvenzverwalter. Der sortiert die Lage und vertröstet Investoren mit der Auskunft, dass „Anfragen weder von den betroffenen Gesellschaften noch vom Büro des Insolvenzverwalters oder dem Insolvenzgericht individuell beantwortet werden können“.  Alle Kritiker, die ein Schneeballsystem vermuteten, dürfen sich allerdings bestätigt fühlen: Zwar läuft noch die Aufarbeitung, Mitte Mai teilte der vorläufige Insolvenzverwalter dann aber mit, dass Anlegern insgesamt 1,6 Millionen Container verkauft worden seien, von denen aber nur 0,6 Millionen in der Flotte seien – damit wurde die Causa P&R auch zu einem Fall für die Staatsanwaltschaft.

Erklären müsste sich vor allem einer: Heinz Roth, der 75-jährige Gründer und Mehrheitseigentümer der wichtigsten P&R-Gesellschaften. Doch auch er ist für Stellungnahmen nicht zu erreichen. Dabei würde Anleger gewiss interessieren, wie viel Roth, der zuletzt in Österreich und der Schweiz residierte, persönlich in den vergangenen 40 Jahren am Containergeschäft verdient hat. Ein Blick in den Verkaufsprospekt der letzten noch platzierten Beteiligung mit der Nummer 5004 vom Herbst 2017 gibt zumindest Aufschluss, was Roth im Rahmen seiner „konservativ-bodenständigen Firmenpolitik“ für sich selbst veranschlagte. Bis 2023, heißt es dort, stünden dem Gründungsgesellschafter „Gewinnbeteiligungen, Entnahmerechte und sonstige Gesamtbezüge (…) in Höhe von mindestens 131 Mio. Euro zu“.