PleiteWie der Containerspezialist P&R in Seenot geriet

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So weit die Theorie. In der Praxis aber sind Sachwertanlagen über Fonds für Anleger schon seit den 70er-Jahren ein Desaster. Eine Untersuchung der Stiftung Warentest aller 1200 zwischen 1972 und 2015 in Deutschland aufgelegten geschlossenen Fonds für Beteiligungen aller Art offenbarte 2016 ein Bild des Grauens. 94 Prozent verfehlten ihre Prognosen. Statt eines Gewinns von zusammen 15 Mrd. Euro fielen Verluste von mehr als 4 Mrd. Euro an.

94 Prozent – die Zahl ist wichtig, um das Phänomen P&R zu verstehen. In einem Umfeld, in dem Planverfehlungen oder gar Pleiten keine Ausnahme, sondern die Regel sind, zahlte der Konzern seinen Anlegern jahrzehntelang pünktlich die vereinbarte Containermiete. Es war, als habe man in einem Problemviertel mit notorisch säumigen Mietern das einzige Haus erworben, in dem sämtliche Bewohner pünktlich zum Monatsersten auf den Cent genau ihre Miete begleichen.

Wer würde eine solche Anlage nach fünf Jahren nicht gleich erneuern, selbst wenn um einen herum die Welt im Chaos geplatzter New-Economy-Blasen und Weltwirtschaftskrisen versinkt? „Über lange Zeit sind fast alle auslaufenden Containerinvestitionen von Anlegern sofort wieder als Neuanlage verlängert worden“, sagt Rechtsanwalt HG Pinkernell, Spezialist für Kapitalanlagerecht aus Hamburg.

„40 Jahre hat doch alles gut funktioniert“

Folglich wuchs die Gesellschaft – und mit ihr das verwaltete Anlagevolumen. 1999 wurde nach eigenen Angaben die Milliardengrenze geknackt, gut zehn Jahre später sammelte P&R diese Summe bereits binnen eines Jahres neu ein, gespeist vor allem aus Wiederanlagen. „In vielen Familien wurden P&R-Containeranlagen von Generation zu Generation weitergereicht“, so Pinkernell.

In privaten Mailverteilern, in denen sich nun Betroffene organisieren, offenbart sich das Ausmaß des Dramas. „Wir sind seit 2003 engagiert und haben uns entschieden, unsere Altersversorgung darauf aufzubauen“, klagt Maria P. aus München. „Wir sind mit 120.000 Euro dabei, das Geld sollte eigentlich die Ausbildung der Kinder finanzieren“, schreibt Egbert W. Anfang April. Und immer wieder versichern Menschen fassungslos, wie unvorbereitet der Absturz sie traf. „40 Jahre hat doch alles gut funktioniert.“ – „Bei Betrug wäre die ganze Sache doch schon viel früher hochgegangen.“ – „Bei uns wurde immer alles problemlos abgewickelt.“

Problemlos? Das galt vielleicht für die Zahlungen an Anleger. Auf dem Containermarkt indes trübte sich das Vermietungsgeschäft ab 2012 zunehmend ein. Wegen sinkender Stahlpreise und chinesischer Überkapazitäten stürzte der Preis für neue Standardcontainer mit 20 Fuß Länge laut Zahlen des Forschungsinstituts Drewry innerhalb von fünf Jahren von knapp 2500 auf 1500 Dollar ab. Entsprechend brachen auch die Anschaffungskosten für Gebrauchtcontainer zwischen 2011 und 2016 um 70 Prozent ein – und die Mietpreise um rund 40 Prozent. Anbieter wie P&R gerieten damit gleich von zwei Seiten in die Zange: Während sie am Markt geringere Mieterlöse erzielten, erwiesen sich gleichzeitig die Rückkaufpreise für Gebrauchtcontainer, die sie ihren Anlegern für auslaufende Investments in Aussicht gestellt hatten, als zu optimistisch kalkuliert.

Eine Bank wird skeptisch

Wie sehr dieser operative Gegenwind P&R traf, konnten Anleger allerdings nicht einmal erahnen. Die Rahmendaten, die es gebraucht hätte, um die finanzielle Leistungsfähigkeit des Konzerns zu beurteilen, gab es nämlich schlicht nicht. Selbst vor der Marktflaute ab 2011 konnte niemand überprüfen, wie plausibel die zugesicherten Renditen eigentlich waren. Die deutsche Gesellschaft, der Anleger ihre Container abkauften, reichte diese weiter an eine Schweizer Holding, die sich um die Bewirtschaftung kümmerte. Zu ihrer persönlichen Beruhigung konnten Anleger zwar zehnstellige Identifikationsnummern erfragen, mit denen sich ihre individuellen Container theoretisch weltweit orten ließen. Doch in der Praxis kümmerten diese Nummern keinen Leasingnehmer oder Mieter. Kurz: Die Anlage verschwand in einem schwarzen Loch – aus dem allerdings Jahr für Jahr vermeintlich verlässliche Mietzahlungen sprudelten.