FondsWie Amundi zum größten Vermögensverwalter Europas aufstieg

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Stramme Hierarchie

Gleichzeitig herrscht bei Amundi die alte französische Bankenherrlichkeit, was das Verständnis von Autorität und Hierarchie angeht – nicht nur bei der Rangfolge am Fahrstuhl. Perrier mag seine Verbindungen in die Provinz pflegen. In Paris trägt er stolz die blaue Rosette am Revers, die ihn als Offizier des nationalen Verdienstordens ausweist. Er ist Mitglied im Siècle, dem exklusivsten der Pariser Eliteklubs, und mischt mit in der Lobby des Finanzplatzes Paris. „Er ist ein Kriegsherr“, charakterisiert Ex-Rothschild-Vorstand Jean-Hervé Lorenzi den Amundi-Chef, beide tauschen sich gern aus.

Sein Haus führt Perrier streng zentralistisch. Wer aus dem Management beim Chef präsentieren muss, lässt sich schon mal vorher von externen Beratern darauf vorbereiten, berichten Veteranen. Wenn einer nicht alle Zahlen parat habe, gebe es Ärger. „Sie werden immer ein Problem haben, wenn Sie die Zahlen Ihres Geschäfts nicht kennen“, sagt der Chef selbst dazu. Spricht man die Deutschland-Chefin Evi Vogl darauf an, befindet sie: „Wir wären nicht so weit, wenn es nicht eine gewisse Detailliebe für Zahlen gäbe.“

Der Chef hält sich zugute, er habe die Einzelheiten und die Perspektive zugleich im Blick: „Mir hat mal jemand gesagt: ‚Was mich an dir verblüfft, ist, dass du eine Vision hast, aber auch die Details durchblickst‘“, erzählt er. „Man muss regelmäßig checken, dass auch täglich das umgesetzt wird, was man im Puls hat.“

Das war tatsächlich nötig angesichts der Vorgeschichte. Amundi ist ein Kind der großen Finanzkrise und zugleich der kleinteiligen, föderal organisierten und traditionsverhafteten Bauernbank, die bis heute fast 70 Prozent der Aktien der Fondsgesellschaft kontrolliert. Die Kassen der französischen Landwirte und ländlichen Kleinunternehmer hatten stets recht solide gewirtschaftet, doch in der Krise wurden auch sie in Mitleidenschaft gezogen. Ihre Pariser Investmentbank Calyon hatte sich mit giftigen Subprime-Papieren vollgesogen.

Da auch Konkurrent Société Générale (SocGen) angeschlagen war, strichen die erzürnten CA-Regionalkassen ihre Investmentbank zusammen und fusionierten die Vermögensverwaltung mit der SocGen-Tochter. Chef wurde mit Perrier ausgerechnet der Vize von Calyon.

Wenn man den Vorstandschef heute nach persönlichen Lektionen aus der Finanzkrise fragt, weicht er aus und mokiert sich dann über die damals üblichen Finanzinnovationen, die doch keine waren. Perrier und seine Leute profitierten am Anfang von den robusten Vertriebsnetzen von CA und SocGen in Frankreich. Crédit Agricole hat in der Provinz teilweise Marktanteile von über 50 Prozent. Das ist eine ungeheure Basis für das Geschäft der Vermögensverwaltung: Denn viele Mittelständler legen ihre Gewinne lieber an, als diese zu reinvestieren – eine Kehrseite der altbekannten Wachstumsschwäche des Landes.

Aus der Stärke der neuen Firma kaufte Amundi bald in den USA, Irland, Österreich und in Italien zu und ging zwischendurch noch an die Börse. Beim Kauf von Pioneer 2016 konnte Perrier auf alte Bekannte vertrauen: Bei Unicredit war inzwischen Jean Pierre Mustier Chef, einst der Investmentbankvorstand von Société Générale. Man kennt sich eben.