FondsWie Amundi zum größten Vermögensverwalter Europas aufstieg

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Ein Riese mit zwei Gesichtern

Vermögensverwaltung ist ein brutales Skalengeschäft, je größer eine Fondsgesellschaft, desto effizienter kann sie arbeiten und desto günstiger ihre Produkte anbieten. Genau das machen die Franzosen vor und setzen damit die Konkurrenz unter Druck. „Wir erwarten, dass die Einnahmen der Branche wegen des Preisverfalls bei Fonds künftig im Schnitt nur noch um ein Prozent wachsen. Bislang hat sie hohe einstellige Raten verzeichnet“, sagt Matthias Hübner von der Beratung Oliver Wyman. „Größe zieht Größe an“, sagt Hübner. Es ist wie ein Magnetfeld.

Der Fondsriese aus Paris pflegt mit großem Einsatz ein Doppelgesicht. In der Szene ist Amundi als brutaler Angreifer bekannt, der mit üppigen Aufschlägen um Mitarbeiter wirbt und Konkurrenten mit Dumpingpreisen Kunden abjagen will. So gibt es bei den Franzosen einige ETFs inzwischen für laufende Gebühren von 0,05 Prozent pro Jahr, da staunt selbst manch hart gesottener Manager aus den USA.

In der Öffentlichkeit gibt derselbe Akteur gern die weichen Züge des freundlichen Europäers vor, der mit Abscheu auf das Treiben der dominanten Angelsachsen im Markt blicke. „Unsere Firma ist nicht am Rand eines Tradingrooms an der New Yorker Wall Street entstanden, gegründet von Leuten, die vor allem eines wollten: Geld, Geld, Geld“, sagt ein führender Amundi-Mann.

Ein Blick wie Großvater

Amundi-Chef Yves Perrier
Amundi-Chef Yves Perrier

Yves Perrier schickt einen treueheischenden Blick aus seinen braunen Augen, mit denen er blinzeln kann wie ein gutmütiger Großvater. Dann hebt er zu einer großen Rede über die europäische Kultur und hiesige Werte an. „Wir sind tief verwurzelt“, sagt er. Der Chef ist nach Dienstbeginn in einen Konferenzraum auf der Vorstandsetage gekommen, hat aber vorher noch die dicken Botten durch bequeme Loafer ersetzt. Die streckt er jetzt unter dem Tisch aus.

„Gerade in schwierigen Zeiten ist es wichtig, dass wir eine europäische Fondsbranche haben“, sagt er. Das zielt natürlich vor allem auf Blackrock. Perrier ist nicht verborgen geblieben, wie Rolle und Einfluss der US-Fondsgesellschaft immer wieder kritisch diskutiert werden. Deshalb hebt er verneinend den Zeigefinger, wenn mal wieder irgendwo behauptet wird, Perrier wolle das europäische Blackrock schaffen.

Und das mit der Verwurzelung ist nicht mal ganz falsch. Im vergangenen Jahr hat sich Amundi etwa bei einer kleinen Firma in der ostfranzösischen Franche-Comté eingekauft, die die Tradition der Saucisse de Montbéliard am Leben erhält, einer geräucherten Wurstspezialität von dort. Nach der Übernahme von Pioneer in Italien legten sie dort einen Fonds auf, mit dem Anleger in Schinken und Parmesan investieren können, um den Herstellern Liquidität zu verschaffen, während die Edelprodukte in den Kellern reifen. Im Alpen-Departement Haute-Savoie an der Schweizer Grenze hält ein Amundi-Fonds eine Reihe von Minifirmen am Laufen, die sich einer hier traditionellen Metallumformtechnik verschrieben haben – auch wenn die Performance des Fonds bedrückend ist.

Solche Beteiligungen sind Randgeschäfte im Amundi-Reich, aber sie halten die Verbindung zum Hauptaktionär Crédit Agricole (CA) aufrecht, dem Zentralinstitut der französischen Genossenschaftsbanken, die sich in der Provinz um ebensolche Firmen kümmern. Es kommt nicht von ungefähr, wenn Perrier heute noch gern auf seine Herkunft aus der Haute-Savoie verweist, ebenjener abgelegenen Region, in der sein Fonds Metallbetriebe mit Kapital versorgt. Hier war sein Großvater Kleinbauer, und Perrier hält regelmäßig Kontakt zur lokalen Sektion der Landwirtschaftsbank CA.