BörsenattackenWie aggressive Investoren Unternehmen kapern

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Rote Laterne für BMW

Das schaffte in der Capital-Analyse nur ein Konzern: die Deutsche Telekom. Gleich eine ganze Reihe von Konzernen weist maximal drei Negativmerkmale auf, darunter Infineon, Vonovia, die Deutsche Post und – Adidas. Ob Zufall oder nicht: Erst vor drei Jahren stritt sich der Sportartikelhersteller mit gleich mehreren Aktivisten, die mit dem operativen Geschäft und der Personalpolitik unzufrieden waren – und sich letztlich durchsetzten. Seitdem verdreifachte sich der Aktienkurs.

Am anderen Ende der Skala stehen mit acht beziehungsweise neun von zehn Negativmerkmalen zwei Autohersteller. Die operativen Schwierigkeiten von Volkswagen überraschen wahrscheinlich nur wenige. Eine unterdurchschnittliche Aktienkursentwicklung und Bewertungsabschläge auf die Branche hieven aber auch BMW in die Liste der gefährdeten Firmen.

Überraschender hingegen ist die Fülle der Negativmerkmale beim Düsseldorfer Konsumgüterkonzern Henkel sowie dem Darmstädter Pharmakonzern Merck, deren Aktien in den vergangenen Jahren absolut betrachtet mit je plus 80 Prozent kräftig zulegen konnten. Henkel sammelt vor allem für die relative Aktienkursentwicklung und die Bewertung sowie die Eigentümerstruktur (Kommanditgesellschaft auf Aktien mit einer dominierenden Familie Henkel) Minuspunkte.

Merck dagegen fällt vor allem in der Corporate Governance negativ auf und erhält vom mächtigen Aktionärsberater ISS sehr schlechte Noten (in der Beurteilung der Gesamtqualität wie auch den Teildisziplinien Aktionärsrechte und Aufsichtskomitees). Ein unabhängiger Prüfungsausschuss, wie ihn der Corporate Governance Kodex für Deutschland eigentlich vorsieht, fehle völlig, zudem seien die Bedingungen für Boni völlig intransparent.

Auch Siemens ist gefährdet

Das scheint auch Aktionären nicht zu schmecken: Als eines von drei Dax-Unternehmen erlitt Merck im vergangenen Frühjahr im Zuge einer konsultativen, aber nicht bindenden Abstimmung auf der Hauptversammlung eine Schlappe, als es Aktionäre über sein Vergütungssystem abstimmen ließ: Nur 46 Prozent stimmten der Vorstandsvorlage zu bei rund 64 Prozent Präsenzquote.

Gleich sechs Gefahrenindikatoren weist noch ein weiterer Dax-Konzern auf, den – anders als die anderen Konzerne mit acht oder mehr „Warnsignalen“ – kein Familien- oder Großaktionär schützt: Es ist der Mischkonzern Siemens, dessen Aktien zu 100 Prozent in Streubesitz sind.

Vorstandschef Joe Kaeser baut das Unternehmen gerade komplett um, spart und will in diesem Jahr in einem der vermutlich größten Börsengänge aller Zeiten in Deutschland die Medizintechniksparte abspalten. Glaubt man Frankfurter Fondsmanagern, nicht ganz freiwillig. „Wenn sich Siemens nicht radikal bewegt, ist der Konzern mit breit gestreutem Aktienbesitz, einer Konglomeratsstruktur und weiter niedrigen Bewertung ein gefundenes Fressen für Aktivisten“, sagt ein Frankfurter Fondsmanager. Vielleicht will Kaeser dem schlicht zuvorkommen.

Wie gefährdet sind die Dax-Mitglieder

Capital analysiert das Angriffsrisiko für 30 Dax-Unternehmen anhand relativer Kursentwicklung, relativer Bewertung und der Scoringwerte für Corporate Governance; die Unternehmen wurden sortiert nach der Summe der Gefahrenindikatoren