BörsenattackenWie aggressive Investoren Unternehmen kapern

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Guy Wyser-Pratte
Guy Wyser-Pratte, 77: Der Veteran blickt in Deutschland auf eine gemischte Bilanz: Flops wie etwa dem Einstieg bei Babcock oder Mobilcom in den Nullerjahren stehen Erfolge beim Umbau des Roboterhersteller Kuka und deutliche Kursgewinne beim „Blitzkrieg“ gegen den Satellitenbauer OHB gegenüber. (Foto: Getty Images)

Die Attacke auf OHB war auch deshalb eine wichtige Zäsur, die den Kreis möglicher Zielunternehmen mit einem Schlag deutlich ausweitete. Denn was deutsche Unternehmen bisher schützte – eine korporatistische Unternehmensführung und häufig geschlossene Eigentümerstrukturen –, entpuppt sich jetzt als Einfallstor. Der Bremer Technologiekonzern OHB, der es auf einen Börsenwert von rund 800 Mio. Euro bringt, ist zu 70 Prozent in der Hand der Gründerfamilie Fuchs. Ein Externer hat formal gar keine Chance, genügend Aktionäre auf seine Seite zu ziehen, um seine Forderungen durchzusetzen.

Dennoch wagte Wyser-Pratte („Wacht auf, und riecht das Napalm“) den Einstieg – und setzte genau an den familiären Strukturen an. Denn Reputationsmanagement ist für Unternehmen heute wichtiger denn je – und bietet Aktivisten eine scharfe Waffe, wenn sie ein Unternehmen unter Dauerbeschuss nehmen. „So etwas hat nicht nur gehöriges Lästigkeitspotenzial, sondern bedeutet auch ein wirtschaftliches Risiko für Unternehmen und Management. Kunden und Geschäftspartner könnten entsprechend scharfe Angriffe ebenfalls negativ wahrnehmen“, warnt Lars-Gerrit Lüßmann, Partner bei der Anwaltskanzlei Taylor Wessing und Experte für die Beratung in Aktivistenkampagnen.

Schlimmstenfalls droht den Angegriffenen ein ungleicher Kampf: „Ein Aktivist kann wie ein Straßenköter kämpfen: kläffen, Zähne fletschen und zubeißen – ein Unternehmen muss die Contenance wahren“, warnt der Manager einer Frankfurter Fondsboutique.

Auch das Internet macht es aggressiven Investoren leicht, an der Reputation von Firmen zu sägen – wie die Attacken auf den Bezahldienstleister Wirecard und den Medienkonzern Ströer im Jahr 2016 zeigten. Beide liefen über anonyme Internetseiten, reichten aber aus, um die Aktien jeweils zweistellig einbrechen zu lassen. Juristische Folgen für die Angreifer bisher: keine.

Aktivisten treffen auf immer weniger Widerspruch

Daher wundert es kaum, wenn die Hemmungen sinken. Keinen Monat nach Wyser-Prattes Attacke auf OHB gab sich der Londoner Hedgefonds Petrus Advisers als Aktionär beim Onlinebroker Comdirect zu erkennen, der zu über 80 Prozent der Commerzbank gehört. In einer rüden Attacke warf der Hedgefonds nach gleichem Muster wie Wyser-Pratte – ein offener Brief, zuvor auch an die Medien gestreut – der Commerzbank vor, ideenlos zu sein, die Kosten nicht im Griff zu haben und Vorstand und Aufsichtsrat mit zu viel hauseigenem Personal zu besetzen.

Was als harmloser Brief daherkommt, ist mit gewaltigem Aufwand vorbereitet: Investmentbanken, Kommunikationsberater und Anwälte haben alle ihren Anteil, wenn sich ein Angreifer aus der Deckung wagt. Der Vormarsch der Aktivisten ist auch getrieben von enormen Ressourcen.

Zugleich treffen sie auf immer weniger Widerspruch. Denn durch den Boom von ETFs, die nur einen bestimmten Aktienindex abbilden, halten Großinvestoren wie Blackrock, Vanguard und Co. immer größere Anteile an börsennotierten Konzernen. Ihre Stimmrechte aber üben sie nur selten für alle gehaltenen Anteile aus – schließlich sehen sie es als ihre Aufgabe an, dem Index zu folgen und nicht aktiv in Unternehmen einzugreifen. „Das stellt häufig auch einen großen adminis­trativen Aufwand dar, wenn beispielsweise Käufer eines Dax-ETF in den USA oder Japan sitzen“, so ein Berater für die Organisation von Hauptversammlungen. Blackrock wollte sich auf Capital-Anfrage nicht zum Abstimmungsverhalten äußern.