BörsenattackenWie aggressive Investoren Unternehmen kapern

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Der Grund, warum die größten Börsenrowdys neuerdings häufiger über den Atlantik kommen, ist recht banal: Ihr Lieblingsspielfeld, der US-Markt, „ist weitgehend abgegrast“, sagt Christoph Seidel, Leiter für Fusionen und Akquisitionen bei der US-Investmentbank JP Morgan in Deutschland. „Dort ist inzwischen fast jeder große Konzern bereits Ziel einer Attacke geworden“, so Seidel.

Das drückt auf die Renditen: Laut Berechnungen des Datendienstleisters Factset lagen aktivistische Kampagnen in den USA zwischen 2012 und 2016 im Schnitt weder innerhalb von zwölf noch von 24 Monaten nach Kampagnenstart über der durchschnittlichen Rendite des Gesamtmarkts, der jedes Jahr im Schnitt um 15 Prozent zulegte. Also suchen die prominenten US-Aktivisten wie Paul Singer, Daniel Loeb und Guy Wyser-Pratte nach neuen Zielen. Und die finden sie in Europa.

Nach Berechnungen der Investmentbank Lazard verfünffachten aktivistische Investoren allein im vergangenen Jahr ihr in Europa eingesetztes Kapital auf 10 Mrd. Dollar. Und seit der Investor Daniel Loeb den Schweizer Lebensmittelgiganten Nestlé (Börsenwert 220 Mrd. Euro) mit einer Position von nicht mal zwei Prozent in nur einer Woche zu einem konkreten Wachstums- und Margenziel und zusätzlichen Aktienrückkäufen drängen konnte, ist auch klar: Selbst schiere Größe bietet keinen Schutz mehr. „Die Lehre aus 2017 ist: Jeder Name ist jetzt angreifbar“, sagt JP-Morgan-Banker Seidel.

Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment, berichtet: „Seit einiger Zeit nehmen immer mehr US-Investoren Tuchfühlung auf, bauen Netzwerke auf, wollen ein Gespür für den deutschen Markt gewinnen, denn der US-Markt ist leer gefegt.“

Hierzulande gehen ihre Strategien hingegen häufig auf: Nach Berechnungen von Capital zogen die Aktien von Unternehmen, die seit der Finanzkrise Gegenstand einer öffentlichen Kampagne waren, innerhalb von zwölf Monaten um durchschnittlich 18 Prozent an. Das sind mehr als zehn Prozentpunkte Plus gegenüber dem Gesamtmarkt. Auch die Zahl der Kampagnen klettert: 2017 gab es in Deutschland 15 kleine und größere Attacken – ein Rekord und mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Und dabei wird es kaum bleiben, denn der US-Aktienmarkt ist mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 19 für dieses Jahr historisch hoch bewertet. Aktien mit Luft nach oben sind so schwer zu finden. In Deutschland liegt das für 2018 erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis dagegen bei 14.

Früher Schutz, heute Risiko

Dass sich die Aktivisten in Deutschland früher zurückhielten, hat Gründe: Das hiesige Führungssystem sowie auch die Mitbestimmung sind angelsächsischen Investoren grundsätzlich suspekt. „Dass ein deutscher Vorstand nicht die Verpflichtung hat, vor allem etwas für den Aktienkurs zu tun, sondern auch Kunden und Mitarbeiter gleichermaßen im Blick hat, hören viele US-Banker zum ersten Mal hier in Frankfurt in Konferenzräumen und staunen dann Bauklötze“, erzählt der Fusionsberater einer großen US-Investmentbank. „In Deutschland herrscht zudem eine konsensorientierte Unternehmenskultur. Shareholder-Aktivismus gibt es indes schon lange – und er ist verbreiteter, als öffentliche Kampagnen nahelegen. Der allergrößte Teil dieser Transaktionen ist von der Öffentlichkeit unbemerkt geblieben“, sagt Ami de Chapeaurouge, Partner der globalen Anwaltssozietät Chapeaurouge + Partners.

Hinzu kommt, dass rund 60 Prozent der nur noch 550 börsennotierten Unternehmen in Deutschland von Familien, Gründern, Großaktionären oder Holdings kontrolliert werden. Selbst wenn ein Angreifer alle freien Aktionäre auf seine Seite ziehen würde, hätte er nach dem bloßen Stimmengewicht nur bei solchen Unternehmen nur dann eine Chance, wenn die Ideen und Vorschläge der Aktivisten gerade die kontrollierenden Aktionäre und Paketbesitzer überzeugen würden. Eine  Studie von Kobi Kastiel von der Harvard Law School aus dem Jahr 2016 belegt, dass aktivistische Kampagnen gegen so genannte „kontrollierte Unternehmen“ in den USA keinen Seltenheitswert haben und sich als durchschlagskräftig erwiesen haben.