Leben ohne ZinsenWer hat den Zins verschwinden lassen?

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Daneben kaufte erst die US-Notenbank Fed, dann seit 2015 auch die EZB Staats- und zuletzt auch Unternehmensanleihen auf. Ein Viertel aller deutschen Staatsanleihen hält mittlerweile die EZB. Mit diesen Massenaufkäufen steigt die Nachfrage nach sicheren Geldanlagen weiter. Und wie immer, wenn bei gleichbleibendem Angebot die Nachfrage steigt: Es steigen auch die Preise. Eine deutsche Staatsanleihe mit einem Auszahlungswert von 100 Euro in zwei Jahren kostet daher heute über 101 Euro – eine Rendite von knapp minus 0,5 Prozent pro Jahr. So senkt die EZB nicht nur die Zinsen für Banken, sondern schmälert auch die Rendite für andere, die gern in sichere Anlagen investieren.

Die globale Sparschwemme

Allein der Geldpolitik der Notenbanken die Schuld zu geben greift jedoch viel zu kurz. Es gibt keine Verschwörung gegen deutsche Sparer. Wer etwas tiefer gräbt, merkt, dass der Zins nicht erst seit der Finanzkrise gesunken ist. Er fällt schon seit Jahrzehnten. Weit bevor die Zentralbanken begannen, Anleihen zu kaufen, Jahre vor der Finanzkrise. Es gibt daher eine große Zahl von Makroökonomen, die die Verantwortung für den sinkenden Zins bei den Sparern, den Unternehmen und den Staaten sehen: Sie, die Realwirtschaft, sei verantwortlich – nicht die Geldpolitik. Denn Menschen, Unternehmen und Staaten sparen seit Jahrzehnten mehr und mehr und investieren immer weniger.

Einer der prominentesten Vertreter dieser Theorie ist Ben Bernanke, ehemals Chef der US-Zentralbank Fed. Schon drei Jahre vor der Finanzkrise, im März 2005, sprach Bernanke zum ersten Mal von einer globalen Sparschwemme. Das Problem, das er sah: Immer mehr Asiaten wurden immer reicher, aber in ihren eigenen Ländern zu investieren, war ihnen zu riskant. Daher suchten sie sichere Geldanlagen in den Vereinigten Staaten, und eine Flut von Ersparnissen schwappte in die USA – wo die gestiegene Nachfrage nach sicheren Anlagen für sinkende Zinsen sorgte.

Die Sparschwemme aus Asien hat sich zwar mittlerweile abgeschwächt. Dafür aber sparen nun die Menschen in den westlichen Ländern mehr als zuvor. In Europa gibt es immer mehr Rentner. Während im Jahr 2000 vier Personen zwischen 20 und 65 Jahren auf einen über 65-Jährigen kamen, werden schon 2025 nur noch drei Erwerbstätige auf einen Rentner kommen, schätzen Wissenschaftler der EZB. Setzt sich der Trend fort, sind es bis 2100 pro Rentner weniger als zwei Arbeitende. Und die machen sich Sorgen um ihre Alterseinkünfte.

Der Staat spart für künftige Rentner

„Die Menschen leben länger. Viele beziehen bald 20 Jahre lang Rente. Man verteilt seinen Konsum über die Lebensabschnitte“, sagt Carl-Christian von Weizsäcker, emeritierter Professor der Uni Köln. Das heißt, die Leutesorgen stärker fürs Alter vor. Sie sparen mehr. Bloß: Je mehr sie sparen, desto eher konkurrieren sie um sichere Anlagen; desto eher sind sie bereit, für immer kleinere Renditen anzulegen. Sie sparen sich sozusagen selbst ärmer. „Aber es hat ja auch keinen Sinn, das Geld auf den Kopf zu hauen“, sagt von Weizsäcker. Und selbst wenn die künftigen Rentner nicht selber sparen – der Staat tut das schon für sie. Auch wenn sich die Versicherungssysteme unterscheiden, müssen alle Staaten Vorkehrungen treffen, um künftig mehr Alte zu versorgen. Also fahren viele Länder die Nettoneuverschuldung zurück, um die Staatsfinanzen zu sanieren und Spielraum für die Rentenzahlungen zu haben. Je weniger Schulden die Staaten machen, desto geringer wird auch das Angebot an Anleihen. Bei hoher Nachfrage, auch seitens der EZB, führt das zu sinkenden Zinsen.

Hinzu kommt: Nicht nur sparen Menschen und kappen Euro-Staaten ihre Ausgaben, Unternehmen investieren auch weniger, oder ihre Investitionen sind weniger kapitalintensiv. Konzerne wie Google und Facebook benötigen Server und Computer – Thyssen brauchte noch Hochöfen und Fabriken. „Unternehmen brauchen nicht mehr so viel Kapital wie früher“, sagt von Weizsäcker. Die Möglichkeiten, Geld tatsächlich in produktive Sachwerte zu investieren, nehmen also ab – während gleichzeitig das Geld, das weltweit nach Investitionen sucht, mehr wird. Viele Unternehmen haben daraus ihre ganz eigenen Schlüsse gezogen. Seit Jahren können sie sich zu geringen Zinsenverschulden – aber anstatt das Geld zu investieren, kaufen sie nun ihre eigenen Aktien zurück.

Vertreter der Realwirtschaftstheorie haben berechnet, welcher Zins sich ergeben würde, wenn die Geldpolitik gar keine Rolle spielte. Sie nennen ihn den natürlichen Zins. Das Verfahren ist kompliziert, die Ergebnisse unterschiedlich, aber die Tendenz klar: Der natürliche Zins sinkt seit Jahren. Und er ist heute wahrscheinlich kleiner als null. Sogar Ökonomen, die eigentlich der Geldpolitik die Schuld an der Zinsmisere geben, räumen ein, dass die Argumente der Sparschwemme nicht grundsätzlich falsch sind. „Sie sollten aber nicht dominieren“, sagt Ansgar Belke, Professor für Makroökonomik an der Universität Duisburg-Essen. Und sosehr sich Ökonomen uneins sind, wer nun der Hauptschuldige am Verschwinden des Zinses ist – bei einem sind sie sich einig: Die beschriebenen Trends werden sich fortsetzen, und der Zins wird auf Jahre nicht zurückkommen. Die US-Fondsgesellschaft Columbia Threadneedle prophezeite kürzlich in einer Studie: „Einen nennenswerten Anstieg der Zinsen wird es in den nächsten zehn bis 20 Jahren nicht geben.“