BerufsunfähigkeitWenn der Körper nicht mehr kann

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Der Kampf um die Kunden

Der Konkurrenzkampf um gesunde, „gute“ Versicherte verschärft sich derweil weiter. „Weil der Wettbewerb um Konditionen ausgereizt ist, geht es jetzt um die richtigen Kunden“, sagt M&M-Analyst Saal. Zu den bevorzugten Berufsgruppen zählen Akademiker wie Apotheker und Juristen, deren Prämien sinken. Handwerker oder Krankenschwestern, die wegen ihrer körperlichen Arbeit ein größeres Invaliditätsrisiko tragen, zahlen dagegen immer höhere Beiträge – bei geringeren Einkommen. Ausgerechnet für diejenigen, die den Schutz am dringendsten brauchen, werde er häufig unbezahlbar, kritisiert Verbraucherschützer Wortberg. Die Berufsdifferenzierung der Versicherer sei mitunter absurd, pflichtet Makler Helberg bei. „Es ist schlicht ungerecht, dass der Arzt im OP-Saal nur 70 Euro Monatsprämie zahlt und die Schwester, die ihm assistiert, rund 170 Euro.“

Um körperlich Arbeitende überhaupt noch bedienen zu können, steuern manche Versicherer gegen. Der Münchener Verein etwa bietet ein günstigeres, abgespecktes Schutzpaket, das erst ab einem BU-Grad von 75 Prozent greift. „Solche Tarife können eine Alternative sein“, urteilt Saal.

Zum Thema wird die Beitragshöhe, die oft über 1200 Euro im Jahr liegt, auch für Kunden, die bereits eine Police haben. Die WWK erhöhte zum Jahresbeginn ihre Beiträge plötzlich um bis zu 40 Prozent. Auch die Generali fordert nun von den meisten ihrer mehr als eine Million BU-Versicherten bis zu acht Prozent mehr Prämie. Gut möglich, dass weitere Anbieter folgen. Trotz solcher Steigerungen halten Verbraucherschützer die Absicherung weiterhin für existenziell – immerhin werde jeder vierte Arbeitnehmer im Laufe seines Lebens einmal berufsunfähig, meist ab Anfang 50.

Wer vorgesorgt hat, macht seinen Anspruch dann auch geltend, sollte man denken. In Wirklichkeit verfolgt aber jeder dritte Versicherte den gestellten Antrag auf BU-Rente gar nicht weiter, wie die Erhebung von Morgen & Morgen ergab. Woran das liegt? Mancher Antragsteller, glaubt Ullrich Gottwald, Leiter der Leistungsabteilung bei der Debeka, plädiere vorsorglich auf Berufsunfähigkeit und rücke davon wieder ab, sobald er merke, dass die Ansprüche nicht aufrechtzuerhalten sind. Verbraucherschützer Wortberg hat eine andere Erklärung: Oft seien die BU-Renten mit 100 oder 150 Euro so niedrig, dass der Kunde den Papierkrieg scheue und entnervt aufgebe.

Massenweise Unterlagen

Tatsächlich fordern die Versicherungsgesellschaften im Leistungsfall massenweise Unterlagen: Arztberichte, Fragebögen, Befunde. Die Bearbeitungszeit für BU-Renten lag 2017 im Branchenschnitt bei stolzen 112 Tagen. Sind ärztliche Befunde (Dauer: 26 Tage) oder Gutachten (84 Tage) nötig, verlängert sie sich.

Die Kunden reagieren darauf oft mit Unverständnis: „Die Leute denken: Ich habe doch einen Zettel vom Arzt, was will der Versicherer noch von mir?“, sagt Debeka-Mann Gottwald. So einfach liege der Fall aber nun einmal nicht. Zu den häufigsten Streitpunkten gehört die Frage, wie krank der Kunde eigentlich ist. Gemessen wird das mit dem sogenannten Grad der Berufsunfähigkeit. Selten ist der so eindeutig zu bestimmen wie bei einem Dachdecker, der wegen Schwindelanfällen nicht mehr klettern kann. Kunden müssen mit ärztlichen Befunden und einem genauen Arbeitsprofil belegen, dass sie konkrete Alltagsaufgaben nicht mehr stemmen können. Verbraucherschützer Wortberg empfiehlt, sich dabei von Versicherungsberatern oder Verbraucherzentralen unterstützen zu lassen. Zu vielfältig seien die Fehlerquellen, zu kniffelig die Kommunikation mit den Leistungsprüfern.