Grüne AnleihenWas Green Bonds für Anleger bringen

Symbolbild nachhaltige Geldanlage
Symbolbild nachhaltige GeldanlagePixabay

Gut 40 Jahre war an der Fassade der beiden monströsen Bettentürme der Unikliniken in Münster nichts mehr gemacht worden, das brutale Grau signalisierte in der flachen Landschaft schon aus zehn Kilometern Entfernung dringenden Sanierungsbedarf. Bis vor drei Jahren endlich Geld da war, die Bauarbeiter kamen und den mehr als 60 Meter hohen Türmen eine komplett neue Fassade verpassten.

Insgesamt 370 Mio. Euro flossen in neue Gebäude, Fassaden, Dächer, neue Heizungs- und Energiesysteme, finanziert unter anderem durch einen Green Bond der NRW-Bank, der landeseigenen Förderbank. Stolz vermeldete die Bank im Herbst 2019 bereits die zweite Platzierung eines Green Bonds, Volumen 500 Mio. Euro. Und sie hätte noch weit mehr Geld einnehmen können, die Anleihe war fast dreifach überzeichnet.

Green Bonds sind die neuen Zauberinstrumente der Finanzbranche, sie sammeln Geld ein, um damit Gutes zu tun. Das jedenfalls ist die große Hoffnung, mit der viele Staaten, Unternehmen und Banken neuerdings solche grünen Anleihen auf den Markt werfen. Die NRW-Bank etwa begibt seit 2013 solche Papiere, auch bei der staatlichen Förderbank KfW standen die Käufer Schlange, um ihr die bisher größte Grünanleihe mit 3 Mrd. Euro Emissionsvolumen abzunehmen. Beide Banken gehören inzwischen zu den größten Green-Bond-Herausgebern weltweit.

Die NRW-Bank steckt das Geld zum Beispiel in die Renaturierung und Abwasserbehandlung der Emscher, sie finanziert Windräder bei Emsdetten und Elektrobusse für Solingen. Das Geld der KfW fließt in die energetische Sanierung von Gebäuden, in ein riesiges Solarkraftwerk in Marokko und in Projekte, die Flüsse, Seen und Wälder schützen.

Die Klimabilanz ihrer Grünanleihen hat die NRW-Bank vom Wuppertal Institut berechnen lassen: Jede Million, die sie aus den Anleihen vergibt, spart jedes Jahr rund 614 Tonnen CO₂ ein. Über die zehnjährige Laufzeit sorgt die erste 2019er-Anleihe also für rund drei Millionen Tonnen weniger Treibhausgas in der Weltatmosphäre. So viel wie rund 33.000 Bundesbürger in derselben Zeit durchschnittlich produzieren. Für die Umwelt sind solche Green Bonds also durchaus ein großer Gewinn. Erst recht wenn sie in großen Mengen aufgelegt werden.

Erste grüne Staatsanleihen haben bereits Frankreich, die Niederlande, Belgien, Irland und Polen begeben. Und 2020 will erstmals auch die Bundesrepublik einen Green Bond herausbringen, um Umweltprojekte zu fördern. Insgesamt wächst der Markt der Grünanleihen erst seit kurzer Zeit, dafür aber gewaltig: In nur vier Jahren hat sich das jährliche Emissionsvolumen vervierfacht, inzwischen liegt es bei geschätzt 250 Mrd. Euro in diesem Jahr. Der Gesamtmarkt soll schon rund 650 Mrd. schwer sein.

Kursgewinne statt Zinsen

Dabei existieren Green Bonds erst seit dem Jahr 2000, damals lancierte die Weltbank die erste Grünanleihe überhaupt, sieben Jahre später zog die Europäische Investitionsbank nach. Die erste grüne Staatsanleihe begab Polen 2016, und seit diesem Jahr ist mit Holland der erste Staat mit AAA-Rating in diesem Bereich unterwegs. Die erste Ökobundesanleihe wäre ein weiterer Einschnitt, weil die deutschen Staatsanleihezinsen weltweit als Referenz gelten.

Die spannende Frage lautet nun aber: Bringen solche Anleihen jenseits des Öko-Effekts auch den Anlegern einen Ertrag? Sollen sich also Privatleute bereits in Stellung bringen, um die Green Bundesbonds 2020 zu kaufen?

Sieht man sich die Zinsen an, die Investoren bei diesen Papieren versprochen werden, dann staunt man nicht schlecht: Die jüngste Anleihe der KfW kam mit einem Coupon von 0,01 Prozent auf den Markt und läuft bis 2027. Die erste Anleihe der NRW-Bank bietet immerhin 0,625 Prozent Zinsen bis 2029, aber auch das ist weniger, als manches Tagesgeld bringt. Es gibt zwar KfW-Anleihen mit 1,25 oder 1,75 Prozent Zinsen, aber das sind dann Anleihen in Dollar oder norwegischen Kronen, bei denen der Investor also zusätzlich ein Währungsrisiko trägt. Da stellt sich die Frage: Warum sollen Anleger solche Papiere kaufen – wenn man einmal vom besseren Gewissen bei diesen Anlagen absieht?

Die Antwort ist ernüchternd: Für Privatleute sind die Zinssätze allein kein vernünftiger Kaufgrund, zumal sie es ohnehin schwer haben, an solche Anleihen zu kommen. Auf Einzelanleger haben es die Emittenten bisher aber auch gar nicht abgesehen. Bei der Emission der KfW- oder NRW-Bank-Grünanleihen kamen jüngst fast ausschließlich Banken, Vermögensverwalter und Versicherungen als Käufer zum Zuge.

Natürlich könnten Privatanleger die Papiere über die Börse ordern, wenn die institutionellen Anleger sie dort weiterveräußern. Dann aber liegen die Kurse derzeit meist über 100 Prozent, sodass sich die Investition bei einer späteren Rückzahlung von 100 Prozent des Nennwerts trotz Zinsen nicht rechnet.

Keinen Bonus für Green Bonds

Die grüne Bundesanleihe wäre für Privatleute immerhin einfacher zu bekommen, die können sie über ihre Banken ordern. Allerdings dürfen Käufer auch beim Green Bundesbond kaum mit einer Verzinsung rechnen, die deutlich oberhalb der Nulllinie liegt. Daraus machen die Zuständigen bei der Finanzagentur des Bundes gar keinen Hehl.

Fest steht jedoch: Es wird eine Anleihetranche geben, bei der eine „normale“ Bundesanleihe und die erste grüne Bundesanleihe gleichzeitig als „Zwillinge“ ausgegeben werden. Laufzeit und Couponverzinsung werden identisch, lediglich das Volumen der Grünanleihe wird kleiner sein als das der herkömmlichen Anleihe. Und angesichts dieser Zwillingskonstruktion ist auch klar, dass es beim ersten Green Bond keinen Bonus geben wird.

Die Hoffnung darauf hatte nicht zuletzt die CSU im Spätsommer geschürt, als sie eine Zwei-Prozent-Verzinsung von Green Bonds der KfW ins Spiel brachte, also eine Zusatzrendite für jene Anleger, die Geld für ökologische Projekte zur Verfügung stellen, nach dem Motto: Klimaschutz soll sich lohnen und die Bürger für die derzeitigen Winzzinsen entschädigen.

Doch die KfW winkt bei solchen Zahlenspielen ab: Sie wird ihre Anleihen schließlich so los, fast ohne Zinsen. Nicht umsonst waren sie mehrfach überzeichnet. Auch der Bonusverzinsung des Bundes erteilte Finanzminister Olaf Scholz bereits eine Absage. Die Regierung kann sich derzeit bei Investoren zum Nullzins verschulden, warum sollte sie freiwillig mehr Zinsen zahlen? Die Zusatzzinsen müssten zudem aus dem Steuerhaushalt beglichen werden, das wäre „ein schlechtes Geschäft“ auch für die Steuerzahler, findet er. Ökonomisch gesehen hat er recht. Es wäre eben ein Geschenk an umweltbewusste Anleger gewesen.

Profitieren können die aber dennoch von den Papieren. Über die Green-Bond-Fonds der institutionellen Anleger nämlich – an die richten sich die Emittenten auch. „Die institutionellen Investoren müssen investieren“, sagt Petra Wehlert, Leiterin der Kapitalmarktabteilung der KfW, „sie können nicht warten, bis die Zinsen wieder steigen.“ Zudem sind viele Asset-Manager durch neue Nachhaltigkeitsrichtlinien gezwungen, mehr Grünzeug ins Depot zu holen, sagen andere Branchenleute. Und institutionelle Investoren profitieren auch von den steigenden Kursen der Anleihen, wenn sie die Papiere vor Ende der Laufzeit verkaufen – was Privatanleger wegen der hohen Handelskosten nicht können.

Rendite mit Makel

So erzielen Green-Bond-Fonds dennoch gute Renditen trotz Niedrigzinszeiten, sie stehen den Renditen von herkömmlichen Anleihen jedenfalls in nichts nach. Viele Fonds sind zwar noch nicht lange auf dem Markt, doch ältere erzielen rund drei Prozent Rendite pro Jahr. Für Anleihen ist das ordentlich. „Es scheint zudem so, dass grüne Anleihen weniger Volatilität aufweisen, also weniger schwanken“, sagt Lupin Rahman, zuständig für die nachhaltige Anlage beim Anleihespezialisten Pimco. Das wäre für Anleger sogar ein zusätzlicher Gewinn an Stabilität fürs Depot.

Allerdings muss man bei solchen Fonds auch genau hinsehen, in welche Bonds sie investieren. Denn bisher ist der Begriff der Grünanleihe nicht geschützt, das ist der Schönheitsfehler bei diesen Papieren. Im Grunde kann sich jede Anleihe Green Bond nennen, auch wenn das Geld nur in herkömmliche Technik wie Kohle und Verbrennungsmotoren investiert wird. Oder wenn eine Ölförderfirma oder ein Chemiekonzern damit den hauseigenen Umbau finanziert. Gelegentlich passiert es auch, dass Unternehmen Anleihen für konventionelle Projekte begeben und ihnen nur eine grüne Verpackung verpassen, sagen institutionelle Investoren. „Es ist uns daher sehr wichtig, mit einem eigenen Prüfprozess sicherzustellen, in welche Grünanleihen wir investieren – und dabei zu analysieren, ob tatsächlich neue ökologische Projekte gefördert werden“, sagen diejenigen, die professionell auf Green Bonds setzen wie Nachhaltigkeitsexpertin Lupin Rahman von Pimco.

Was macht der Bund?

Auch bei den grünen Bundesanleihen fragen sich einige Kritiker bereits, wie und wofür die Mittel wohl verwendet werden. Denn zusätzliche Schulden schließt Minister Scholz bislang aus, um neue ökologische Projekte zu finanzieren. So kann die Regierung zwar grünes Geld aufnehmen, kann damit aber nur bereits bestehende Programme und Investitionen finanzieren. Oder sie müsste Budgetpläne umschichten, um Projekte ökologisch zu finanzieren. Immerhin werde es ein genaues Reporting geben, wohin das Geld letztlich fließe, beteuert die Finanzagentur. Derzeit tragen noch alle Ministerien und Ressorts zusammen, welche Ökoprojekte sie heute finanzieren, vom grünen Nahverkehr bis zur E-Auto-Kaufprämie. Die Gesamtsumme wird wohl auch ungefähr dem Volumen des ersten grünen Bundesbonds entsprechen.

Besonders für Kommunen wären die Grünanleihen hochinteressant. Denn sie klagen allzu oft, sie hätten zu wenig Geld für dringende Investitionen wie die Erneuerung von Busflotten, die Energiesanierung von Schulen und Krankenhäusern. Deshalb fragt man sich, warum nicht mehr Bundesländer wie NRW mit Förderbanken die grüne Kreditaufnahme forcieren. Denn die einzelnen Kommunen selbst haben gar nicht das nötige Personal, um auf eigene Faust Green Bonds aufzulegen und später das aufwendige Reporting zu betreiben. Noch nutzen viele deutsche Städte das Ökogeld zu wenig. Im Ausland ist man da weiter, Paris etwa oder Göteborg bauen ihren Transport und ihre Energienetze schon mit dieser Hilfe um.

Es klingt absurd, aber bisher hat der Markt dieser neuen Bonds deswegen hauptsächlich ein Problem: Überall sprießen neue Grünanleihen aus dem Boden, und die Investoren stecken geradezu begeistert ihr Kapital hinein, aber: „Teilweise mehr Geld, als tatsächlich genutzt wird“, sagt Petra Wehlert von der KfW, „denn noch fehlen Projekte, in die all diese Investitionen fließen können.“

Die staatliche Förderbank hat extra neue Energiesanierungsprogramme initiiert, um ihr Geld auch zu 100 Prozent an Abnehmer zu bringen. Man könnte das aber auch positiv sehen – und gerade als Anreiz, um in diese Papiere zu investieren. Denn je mehr Geld in Grünanleihen fließt, desto stärker sind Staat und Industrie per Selbstverpflichtung gezwungen, es auch umweltbewusst auszugeben. Genug Geld, um die Welt zu retten, gäbe es also.

 


Der Beitrag ist in Capital 12/2019 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay