SteuernWas der Fiskus alles über Sie weiß

Mitgelesen: Wenn die Steuererklärung abgegeben wird, weiß das Finanzamt oft längst, was drinsteht
Mitgelesen: Wenn die Steuererklärung abgegeben wird, weiß das Finanzamt oft längst, was drinstehtNicolás Ortega

Zoff mit dem Finanzamt kann zum Beispiel so anfangen: Eine junge Frau, Angestellte und Mutter, hat bei der Steuererklärung 2017 gepatzt. Zwar hat sie ihr Elterngeld angegeben, aber vergessen, das Krankengeld zu deklarieren, das sie vor der Geburt bezogen hat. Außerdem ist ihr entfallen, das Honorar für einen Vortrag in die Steuererklärung aufzunehmen.

Nicht so schlimm, weil solche Lässlichkeiten eh kein Steuerbeamter merkt? Von wegen. Der Fall ist konstruiert, die Patzer der jungen Frau haben sich so nicht ereignet – aber hätten sie es, würden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Nachfragen des Finanzamts provozieren. Denn vergessene Honorare, Krankengeldzahlungen oder auch Kapitalerträge fallen Finanzämtern umgehend auf. Der Grund: Immer intensiver werden die Deutschen vom Fiskus digital durchleuchtet. Ein Netz von Zuträgern spielt den Finanzämtern ohne Zutun der Steuerzahler eine Vielzahl steuerlich relevanter Daten zu. Arbeitgeber informieren digital über Gehälter und Löhne, Elterngeldstellen melden Zahlungen, die Deutsche Rentenversicherung reicht Informationen über gesetzliche Renten oder Übergangsgelder weiter, Arbeitsagenturen und Krankenkassen melden Lohnersatzleistungen und Versicherungsbeiträge, Banken und Fondsgesellschaften informieren über steuerfrei belassene Kapitalerträge – Letzteres auch jenseits der Landesgrenzen.

„Wer glaubt, er könne noch etwas verheimlichen, bekommt schnell Ärger“, sagt der Berliner Steuerberater Wolfgang Wawro, Sprecher des Steuerberaterverbands Berlin-Brandenburg. „Wir nähern uns mit der neuen Technik immer mehr einem Steuerüberwachungsstaat.“

Doch das immer engmaschigere Datennetz ist nicht frei von Fehlern. Das kann zum Problem werden, wenn sich der Fiskus zu sehr auf die Automatismen verlässt – oder auch wenn die Bürger dem System zu viel Vertrauen schenken. Denn dann zahlen sie im schlimmsten Falle drauf.

Dichtes Kontrollnetz

Der Schlüssel für das Kontrollnetz ist die seit Mitte 2008 zugeteilte Steueridentifikationsnummer. Mit ihr verfügt der Staat über ein Prüfinstrument, um die Steuerehrlichkeit seiner Bürger zu kontrollieren und Leistungsmissbrauch bei den Sozialbehörden zu bekämpfen. Das Bundeszentralamt für Steuern in Bonn verwaltet den elfstelligen Zahlencode, der jeden Bewohner Deutschlands – vom Säugling bis zum Senior – zweifelsfrei als Steuerzahler identifiziert. Die persönliche Kennung gilt lebenslang, wird erst 20 Jahre nach dem Tod gelöscht und ermöglicht den Behörden eine umfassende digitale Kontrolle von Erwerbsquellen und finanziellen Transaktionen.

Verschweiger haben so gut wie keine Chance mehr: Egal ob man Rente oder Krankengeld beantragt oder bei der Bank einen neuen Freistellungsauftrag erteilt – ohne Angabe der Identnummer geht nichts mehr. Die Nummer brauchen inländische Banken etwa für die Erhebung der Kirchensteuer auf abgeltungsteuerpflichtige Zins- und Dividendenerträge. Privat Krankenversicherte müssen ihrem Versicherer die Identnummer mitteilen, damit die Krankenversicherungsbeiträge zur Basisabsicherung elektronisch an den Fiskus übermittelt werden können. Ansonsten berücksichtigt das Finanzamt nur Beiträge bis zu 1900 Euro im Jahr.

Neben den Finanzbehörden erhalten weitere Behörden, die mit dem Einkommensteuerrecht zu tun haben, Zugriff auf steuerrelevante Daten – per Kontenabfrage bei den inländischen Banken. BAföG-Stellen, Sozial- und Arbeitsämtern sowie Gerichtsvollziehern fällt es so leichter, verschwiegene Vermögenswerte von Leistungsempfängern aufzuspüren.