BörseWarum es trotz Kurseinbruch keinen Grund zur Panik gibt

Ein Händler an der Wall Street blickt besorgt auf einen Monitor
Ein Händler an der Wall Street blickt besorgt auf einen Monitor: Der Kurssturz in dieser Woche kostet NervenGetty Images

In den Sommermonaten scheinen viele Menschen Berge zu lieben, weil man sie hinaufklettern kann, um die Aussicht zu genießen und dann wieder absteigt, um sich abends im Tal auszuruhen. Zumindest im Urlaub finden viele das schön, an den Börsen dagegen macht uns genau das Angst: Zurzeit legen die Aktienkurse eine rasante Berg- und Talfahrt hin: Der deutsche Leitindex Dax legte allein in den vergangenen zehn Tagen einen Abstieg von rund 1000 Punkten hin, er verlor also 8 Prozent. Dem amerikanischen S&P 500 erging es nicht viel besser, er büßte gut 6,5 Prozent ein und hat damit wieder den Stand von Ende März erreicht oder auch den von Oktober 2018. Der Kursrutsch an den Börsen war so rasant, dass viele Anleger bereits panisch fragten: Ist er das, der Beginn des großen Abschwungs, den die Ökonomen schon seit Wochen und Monaten vorhersagen und der nach den aktuellen Wirtschaftsdaten unausweichlich scheint?

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Der Auslöser für den jüngsten Kurseinbruch ist nun ohne Zweifel wieder einmal beim amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu suchen. Der hat China neue Strafzölle angekündigt, woraufhin die Volksrepublik ihre Währung massiv abwertete – sie steht nun auf dem tiefsten Stand seit zehn Jahren – und einen Importstopp für US-Agrarprodukte verhängte. Angesichts dieser neuen Eskalation des Handelsstreits zwischen den beiden wirtschaftlichen Großmächten brachen die Kurse an den amerikanischen Börsen ein und die übrigen Weltbörsen riss es mit in die Tiefe.

Die Anleger reagierten rund um den Globus deshalb so verschreckt, weil der Zollkonflikt das Potenzial hat, dem zuletzt nur noch schwachen Aufschwungsrest die letzte Puste zu rauben. Schließlich haben fast sämtliche Ökonomen ihre Prognosen für die kommenden Monate nach unten korrigiert und die Auftragszahlen zeigen: Eine Rezession, also zumindest ein kurzzeitiger Einbruch des zehnjährigen Aufwärtsdralls stehe bei der Konjunktur bevor. Nur der Aktienmarkt wollte davon bisher noch nichts wissen, der stieg seit Jahresbeginn munter auf neue Gipfel – angefeuert von den neuen Zinssenkungsbestrebungen der Notenbanken. Die Skepsis aber war spürbar.

Geht es nun weiter bergab?

Nun sehen wir den größten Kurssturz seit drei Jahren. Zwar haben sich die Kurse seit Wochenbeginn auch wieder leicht erholt, doch das sei nur eine technische Gegenbewegung gewesen, warnen Analysten, also steht die Frage im Raum: Geht es nun weiter bergab?

Dafür starren viele bang auf die 200-Tage-Linie, die ja in solchen Fällen ein guter Indikator zu sein scheint. Mit dem großen Knick zu Wochenbeginn hat der Dax diese langfristige Durchschnittslinie am 5. August nach unten durchbrochen. Gemeinhin gilt das als Warn- und Verkaufssignal. Denn sinken die aktuellen Kurse unter den gleitenden Durchschnittswert des letzten Dreivierteljahres, so lautet die Faustregel, dann geht es danach bergab. Wer nach diesem Signal nach einem langen Boom gehandelt hätte, der hätte sich im Jahr 2000 und 2008 die großen Börsencrahs erspart.

Auch ein kleinteiligerer Blick auf den Durchschnitt bestätigt: Driftet der deutsche Leitindex um mehr als 15 Prozent von diesem 200-Tage-Durchschnittsniveau ab, dann wird es gefährlich. Lediglich in Erholungsphasen nach Crashs sind sogar Abweichungen um 20 Prozent möglich, dann aber nach oben, also positive Ausreißer. Nach unten gilt der Durchbruch also noch viel mehr als Indikator.

Die meisten Dax-Firmen liegen unter ihrem langfristigen Durchschnittskurs

Und momentan scheint das daraus abzuleitende Signal sowohl für den Gesamtindex klar als auch für die Einzelbereiche des deutschen Aktienmarkts: Beim Dax 30 notiert derzeit nur noch ein Drittel der Werte über ihrer jeweiligen 200-Tage-Linie, Zweidrittel sind darunter gesackt. Beim MDax ist das Verhältnis etwa 60 zu 40, also ebenfalls 60 Prozent darunter. Beim SDax herrscht ebenfalls Zweidrittel-Eindrittelverteilung, es liegen also weitaus mehr Firmen unter ihrem langfristigen Durchschnittskurs. Lediglich beim TecDax ist das Verhältnis etwa gleich verteilt, was daran liegt, dass sich viele Werte hier sehr weit nach oben abgekoppelt haben, es dauert also auch länger, bis sie unter den Schnitt absacken. Zudem gilt die 200-Tage-Linie als bedeutende psychologische Marke, deren Wirkung normalerweise groß ist, wenn sie durchbrochen wird. So gesehen scheint alles dafür zu sprechen, dass es in den kommenden Wochen weiter nach unten geht, oder nicht?

Nein, ganz so einfach ist es nicht, denn der gleitende 200-Tage-Durchschnitt ist zwar ein guter Indikator, allerdings auch kein hundertprozentiger. Wer nämlich jedes Mal gehandelt hätte, wenn der Index die 200-Tage-Linie – nach oben oder nach unten – durchbrochen hätte, der hätte seit 2008 über 20 Mal sein Depot umgeschichtet. Er hätte allein seit 2010 – also definitiv nach Beginn des jüngsten Aufschwungs – neun Mal zukaufen müssen und zehnmal verkaufen, wenn er das 200-Tagesignal als Vorsichtsmaßnahme gegen einen Abwärtsdrall befolgt hätte. Tatsächlich aber knickte der Dax in dieser Zeit nur dreimal scharf ein: in der Eurokrise 2012, zwischen 2015 und 2017 und im vergangenen Sommer. Betrachtet man den Dax dagegen aus einiger Entfernung, dann strebte er seit 2010 trotz dieser Einbrüche stark bergauf.

Zumindest stieg er insgesamt bis Mitte 2018 nach oben, seitdem ist die weitere Entwicklung etwas unklar. Seitdem gibt es das Auf und Ab, und allein seitdem kreuzte der Index fünfmal die Durchschnittskurve in beide Richtungen. Gibt es also noch einen besseren Indikator als die 200-Tage-Linie?

Markt im Seitwärtsmodus

Ja, es gibt sie, zumindest wird das Bild ein wenig klarer, wenn man noch eine weitere langfristige Linie hinzuzihet, die Kaufman’sche „adaptive moving average“-Linie von Perry J. Kaufman (KAMA-Linie) nämlich, die es seit den 70er-Jahren gibt. Sie ist ebenfalls eine 200-Tage-Linie, aber sie bezieht zusätzlich mit ein, dass in Seitwärtsphasen des Marktes die Kurse stark schwanken und häufiger die Durchschnittslinie nach oben oder unten kreuzen – ohne dass jeder dieser Richtungswechsel nun gleich ein Kauf- oder Verkaufssignal darstellen müsste. Die KAMA-Linie passt sich also selbstständig der aktuellen Marktlage an, sie berechnet mit ein, ob ein Durchbruch in einem Seitwärtsmarkt oder einem Abwärts-/Aufwärtsmarkt stattfindet und reagiert dann entsprechend stärker oder schwächer. Kurz gesagt: In Seitwärtsphasen schlägt die KAMA-Linie weniger aus, da markiert sie nur eine horizontale Linie. Dafür knickt sie in Trendphasen ungleich schneller nach oben oder unten ab als die vergleichsweise träge 200-Tage-Linie.

Wie sieht diese KAMA-Linie nun also zurzeit aus? Sie verlief zuletzt recht horizontal, was auf eine Seitwärtsphase hindeutet. Auf den Kursknick von Anfang August hat sie bisher nur wenig reagiert, noch sieht es aus, als habe die 200-Tage-KAMA-Linie lediglich ein Plateau erreicht. Keine eindeutige Aussage also, aber interessant wird es auch erst, wenn sich die beiden Langfristlinien kreuzen, die flotte und die träge also. Echte Schnittpunkte zwischen den Durchschnittskurven gab es seit 2010 nur fünfmal: Mitte 2011, Februar 2012, September 2015, Juli 2016, im Juni 2018 und im Mai 2019. Immer, wenn das passierte galt: Schnitt die 200-Tage-Linie dann die KAMA-Linie von oben nach unten, folgte ein Kurssturz. Durchkreuzte sie die KAMA-Linie nach oben, dann ging es anschließend bergauf. Beim jüngsten Schnittpunkt im Mai durchkreuzte sie die Linie bergauf. Und was ist derzeit? Noch driften beide Linien eher auseinander als sich anzunähern, das heißt: Der nächste Schnittpunkt ist zumindest im Augenblick noch nicht in Sicht. Und erst er wäre der Schnittpunkt, an dem sich der letzte Aufwärtstrend seit Jahresbeginn in einen Abwärtsdrall verwandeln würde.

Das kann sich natürlich rasch ändern, zumal die adaptive Kaufmann-Linie ja in der Lage ist, recht schnell abzuknicken. Es kann daher in ein paar Tagen der Fall sein, falls sich der Kursrutsch im August fortsetzt, vielleicht aber auch erst in ein paar Wochen oder gar Monaten. Noch jedenfalls scheint der Markt im Seitwärtsmodus sagen die Linien aktuell und ohne klaren Trend.

Für Anleger heißt das aber auch: Wer Kurzfristwanderer ist und Angst vor einem Abstieg ins Tal hat und daher lieber auf dem Gipfel die Schutzhütte aufsuchen möchte, der sollte die Bewegungen der nächsten Zeit umso aufmerksamer beobachten. Nähern sich die Linien stärker an, dann wird es Zeit, Unterschlupf zu suchen. Wer dagegen zu den Langfrist-Bergläufern gehört und das stete Auf und Ab in den Bergen nicht scheut, der sollte jetzt das Pulver trocken halten, wie es in Börsianersprache so gern heißt. Denn falls der nächste Abstieg kommt, kann er dann im Tal wenigstens noch ein paar Reserven fürs Depot nachkaufen. Schließlich kommt für ihn nicht nur das Tal, sondern  auch der nächste Gipfel ganz bestimmt.