InterviewWarum Deutsche ungern ans Geldanlegen denken

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Aber sein Geld zu mehren und im Alter ein gutes Auskommen zu haben – das ist doch etwas Erstrebenswertes, oder nicht?

Objektiv ja. Die Werbung der Finanzdienstleister für Altersvorsorge und Vermögensaufbau zeigt auch meistens Rentner, die das Leben genießen: Die stehen dann mit Sonnenbrillen im Wind am Strand, vor Oldtimern, machen Weltreisen. Sie blendet aus, wie das Alter tatsächlich aussehen kann und in der inneren Furcht vieler Menschen aussieht: dass man am Arbeitsmarkt nicht länger gefragt ist. Dass das Geld nicht reicht. Dass man pflegebedürftig wird. Und ganz banal: zu sterben. Denn darum geht es ja letztlich in der Altersvorsorge: Sich mit der Zeit zu beschäftigen, in der das eigene Leben schwächer wird und endet. Es war schon immer schwierig, Menschen dazu zu bringen, dieses Feld zu betreten.

Warum?

Weil Altern verpönt ist. Eine Zumutung. Man möchte auch mit steigendem Alter leistungsbereit und fit sein, idealerweise „für immer jung“. Und wenn man schon alt ist, startet man am besten noch mal durch, sollte aber auf alle Fälle genug Geld für den Konsum haben. Das sickert ein – und verwirrt die Menschen. Einerseits bekommen sie suggeriert, das Altern lieber herauszuzögern. Andererseits sollen sie sich aber bitte hinsetzen und um das Altern kümmern. Mich wundert es nicht, dass viele Menschen dieses Problem dann lieber ausblenden.

Sind Menschen damit überfordert?

Nicht unbedingt. Das setzt ja wieder voraus, die eigene Lage als problematisch zu empfinden. Das ist aber nur selten der Fall. Unser gesellschaftliches Verständnis von Altern hat sich verändert. Viele empfinden es nicht als erstrebenswert. Stattdessen gilt es, die Gegenwart festzunageln. Es gibt – anders als früher – keine kulturell verbindlichen Bilder mehr, wie Alter oder Altwerden auszusehen hat: Alt sind immer nur die anderen; alles scheint noch möglich zu sein. Das war vor 20 oder 30 Jahren anders. Da gab es noch ein eher romantisches Bild von Rentnern: Der Opa steht mit der Pfeife im Mund am Gartenzaun, die Oma schart am Tisch die Enkel um sich. Das verklärende Bild ist heute quasi verschwunden. Am liebsten denken Menschen da gar nicht drüber nach, sondern beschäftigen sich mit dem Hier und Jetzt. Also präferieren sie auch Anlageformen, die ihnen maximale Flexibilität und womöglich straffrei auch nur einen Anlagehorizont von ein paar Wochen oder Monaten ermöglichen.

Ändert sich das mit dem Alter?

Nein, unsere Beobachtung, dass es den meisten eigentlich ganz recht wäre, wenn es so bliebe, wie es ist, zieht sich durch die Generationen. Sie ist bei den Jüngeren sogar oft noch etwas stärker ausgeprägt, da sie bereits verinnerlicht haben, dass es für sie oft schwierig bis unmöglich sein wird, rasch über das Einkommen und Vermögen ihrer Eltern hinauszuwachsen. Warum sich also für die Vorsorge ins Zeug legen?

Menschen unter 30 würden laut Umfragen eher in eine Kryptowährung als in eine Aktie investieren. Warum?

Zugegeben: Die Begeisterung für Kryptowährungen haben wir noch nicht untersucht. Da betreibe ich eher Feldforschung auf dem Flur mit unseren jüngeren Kollegen. Tatsächlich sind da einige engagiert. Allerdings meistens nur mit Beträgen von maximal 1000 Euro. Das sehen sie ganz pragmatisch als Spiel mit hohen Chancen und hohem Risiko. Letztlich sind es Beträge, auf die es auch ein engagierter Lottospieler in ein bis zwei Jahren locker bringt – und den erklärt niemand für verrückt, weil er sein Geld für eine Mini-Chance auf den hohen Gewinn eintauscht.

Kann Aufklärung in Sachen Finanzen Menschen zu besseren Anlegern machen?

Diejenigen, die diese Informationen suchen: ja. Aber es setzt die grundsätzliche Bereitschaft voraus, überhaupt aufgeklärt werden zu wollen. Also Leute, die zum Beispiel dieses Interview lesen. Nach unseren Studien ist das gerade mal ein gutes Viertel der Bevölkerung.

Worauf sollten Anleger achten, um nicht über den Tisch gezogen zu werden?

Geldanlage und Versicherungen folgen einem Lebensphasenmodell. An den Übergängen ist die Bereitschaft groß, etwas Neues abzuschließen, um den veränderten Rahmenbedingungen Rechnung zu tragen. Also wenn man heiratet, ein Haus baut oder Kinder kriegt. Das wissen natürlich auch die Anbieter. In der harmlosen Variante bekommen Neugeborene ein Sparbuch. Als unsere Kinder geboren wurden, lag im Krankenhaus schon die Information über eine Kapitallebensversicherung. Das war damals die Hamburg Mannheimer, die heute in anderen Gesellschaften aufgegangen ist. In solchen Situationen sollte man genau wissen, was man will und braucht.