GeldanlageWarum der Aktienmarkt eine Schildkröte ist

Händlerin an der Frankfurter Börse
Händlerin an der Frankfurter Börsedpa

Der Markt ist eine Schildkröte. Mit diesen Worten lässt sich vielleicht am besten beschreiben, was das große Problem dieser Tage an den Aktienmärkten ist. Denn Schildkröten haben vor allem eine Angewohnheit: Sie bewegen sich langsam, unendlich langsam. Und manchmal muss man lange warten, bis man weiß, wohin sie ungefähr wollen. Seit Monaten nun starren viele gebannt auf die Wege, die Dax, Dow und der Eurostoxx seit Jahresbeginn genommen haben. So richtig vorwärts kommen alle drei nicht mehr. Der Dax stand Anfang Januar knapp 500 Punkte höher als jetzt. Der Eurostoxx verlor 100 Punkte. Der Dow Jones stand Ende Januar auch schon mal so hoch wie heute. Mit etwas Abstand sieht es aus, als seien die Indizes auf einem Plateau angelangt, und man fragt sich: Geht es weiter bergauf, oder gar bergab, oder doch nur seitlich weiter? Auf die Antwort warten nun viele Anleger, bevor sie über ihr weiteres Vorgehen entscheiden.

Aber was ist die Antwort? Das ist dieser Tage so ungewiss wie selten. Natürlich hat noch nie ein Börsianer die Gabe besessen, wirklich die Zukunft vorherzusehen, aber es gab meist Trends. Liefen die Kurse steil aufwärts, hängten sich alle dran und investierten. Ging es strack abwärts, warfen viele ihre Aktien auf den Markt und flohen vom Parkett. Doch bei Märkten wie diesen herrscht allgemeine Unsicherheit. Wer bereits investiert ist und gute Nerven hat, der wird aufmerksamer. Er rüstet sich womöglich bereits für den Absturz. Man sieht es daran, dass die Anleihenkurse steigen, was bedeutet, dass viele Anleger ihre Depots umschichten in sicherere Papiere. Oder daran, dass sie ihre Cash-Quote erhöhen. Ein Drittel der Profiinvestoren bekennt zurzeit, deutlich mehr Liquidität zu halten als sonst. Die Cash-Bestände sind so hoch wie zuletzt vor 18 Monaten. Viele warten auf den großen Knall.

Auf den ganz großen Knall, denn der nächste Börsenabsturz werde gewiss noch viel heftiger ausfallen als die Finanzkrise von 2008, das ist so eine Befürchtung zurzeit. Zehn Jahre nach Lehman sagen viele, die Krise sei nicht ausgestanden, sondern es werde demnächst einen Crash geben, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen könnte. Der sogar erneut die Systemfrage aufwürfe. Und wenn es nicht die Spekulanten und Banken seien, die den Crash auslösten, so könnte auch der schwelende Handelskrieg zwischen Amerika und anderen Wirtschaftsmächten für einen globalen Einbruch sorgen. So zumindest bangen derzeit 43 Prozent der Großinvestoren. Oder zumindest eine Flaute in China, die fürchten knapp 20 Prozent. Aber irgendwas werde ja wohl kommen.

Einsteigen, bleiben oder aussteigen?

Zuletzt kam erst einmal eine kleine Erholung an den Börsen an und daraufhin wieder Hoffnung auf. In den Vereinigten Staaten katapultierte es den Dow Jones auf Wochensicht sogar um 650 Punkte hinauf. Das ist zwar nur ein Plus von 2,2 Prozent, aber damit ist nun wieder ein neues Allzeithoch erreicht. Der Eurostoxx legte 100 Punkte zu, der Dax sogar 300, also fast drei Prozent. Das ist für all diejenigen gut, die im Markt engagiert und auch halbwegs optimistisch gestimmt sind. Für jene aber, die gerade unschlüssig an der Seitenauslinie stehen – die Risikobewussteren und die aktuellen Bargeldhorter – muss man deutlich sagen, verbessert sich die Lage dadurch nicht. Sie zweifeln nun erst recht.

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Was also tun mit dem Geld, das zurzeit nicht im Markt steckt? Soll man es noch investieren, auf die Gefahr hin, damit einer der Letzten zu sein, die zu hohen Kursen kaufen, wenn nun bald der Absturz kommt? Oder lieber abwarten, bis es zum „erlösenden“ Crash kommt, bei dem dann endlich klar ist, dass sich der Einstieg wieder lohnt? Das ist die klassische Frage, die sich Investmentwillige immer wieder stellen, wenn der Markt schon sehr lange sehr gut läuft. Darauf gibt es nun sehr wohl eine klare Antwort.

Entscheidend ist an diesem Punkt nur eines: Sieht man sich als Hasen oder als Schildkröte? Hasen sind jene, die sich im Market-Timing versuchen. Also darin, den möglichst besten Zeitpunkt für den Einstieg abzupassen und dann in den Markt zu hopsen. Sind sie dann investiert, beobachten sie die Kurse so lange, bis sie meinen, jetzt sei ein guter Ausstiegszeitpunkt. Hasen spekulieren darauf, im richtigen Moment große Sprünge zu machen.

Wie wahrscheinlich es ist, dass man mit hasengleichem Anlageverhalten auf der Gewinnerseite landet, lässt sich mit einem Münzwurf verdeutlichen: Wirft man die Münze einmal, beim Einstieg nämlich, liegen die Chancen bei fairen 50 zu 50, dass man das Glück hat, zum richtigen Zeitpunkt in den Markt zu springen. Wirft man die Münze aber zweimal, was somit auch den Ausstieg umfasst, so beträgt die Wahrscheinlichkeit nur noch ein Viertel, auch beim zweiten Mal den richtigen Zeitpunkt zu treffen, um wieder aus dem Markt zu hüpfen. Es ist also dreimal häufiger, dass man nicht auf der Gewinnerseite steht, sondern bei diesem Rein-Raus den Kürzeren zieht. Unzählige Simulationen von Forschern haben bestätigt, dass Finanzmärkte da im Grunde nicht anders funktionieren als der Zufallsgenerator Münzwurf. Ob man es als Spekulationshase also aufs Glück ankommen lassen will, muss jeder selbst entscheiden.

Und wenn der große Crash gar nicht kommt?

Nun heißt das nicht, dass man sich besser ganz vom Markt fernhalten sollte. Im Gegenteil, sagen Verhaltensökonomen und Finanzmarktforscher. Und hier kommen die Schildkröten ins Spiel. Langfristanleger nämlich denken tatsächlich eher in Zeitspannen, die einem Schildkrötenleben entsprechen und deshalb können sie auch eine Strategie verfolgen, die sich eher der Geschwindigkeit des Kriechtiers anpasst. Das Wichtigste ist, dass sie auch in Zeiten wie diesen nicht den Kopf einziehen, sondern Schritt für Schritt in den Aktienmarkt hinein wandern.

Natürlich ist der große Crash direkt nach dem Markteintritt dabei ein Horrorszenario. Um ehrlich zu sein: Es passiert und es hat auch schon viele Anleger sehr viel Geld gekostet. Allerdings nur jene, die nicht nur gerade erst in den Markt eingestiegen waren, kurz bevor die Börsen abstürzten, also kurz vor dem Jahr 2000 etwa und kurz vor dem Herbst 2007. Sondern die dann auch während der Abschwungphase ihre Aktien sofort wieder verkauften. Die Hasen also. Oder eben mitten im nächsten Crash. Wer das erlebt hat, dem kann man eine große Risikoaversion wohl nicht verübeln. Doch gerade solche Anleger sollten wissen, dass es nicht unglückliche Ein- und Ausstiegszeitpunkte sind, die langfristige Schildkrötenanleger um ihr Geld bringen. Sondern dass denen etwas ganz anderes die Rendite wegfrisst: das Nichtbewegen nämlich. Das Abwarten.

Denn was ist, wenn der große Crash nicht kommt, sondern sich die Kurse auf absehbare Zeit eher schleichend entwickeln? Wenn weder einzelne Staaten noch der Euro wanken, sondern sich Europa weiter wie bisher durch seine Probleme wurstelt. Wenn die Europäische Zentralbank die Zinsen niedrig hält, statt sie demnächst zu erhöhen. Was die Aktien weiter stützen würde und alternative Zinsanlagen noch für längere Zeit unlukrativ machte. Wenn der Handelsstreit der USA nicht dazu führte, dass andere Volkswirtschaften beschädigt würden, sondern sie stattdessen Verbindungen zu anderen Staaten ausweiteten? Es gibt viele Szenarien, die derzeit kursieren. Dies ist nur eines davon – und ganz unwahrscheinlich ist es nicht.

Deutsche Sparer verpassen Chancen

Ob es eintritt wissen wir nicht morgen oder übermorgen. Und schon gar nicht dadurch, dass es knallt. Sondern vielleicht erst in einigen Jahren, wenn sich Plateaus zu längeren Seitwärtsbewegungen entwickelt haben oder von sanften Abwärtsschwüngen wieder in Aufwärtswellen übergegangen sind. Wir wissen es, wenn wir irgendwann zurückschauen. Auch an den jetzigen Aufschwung glaubten viele Marktbeobachter lange Zeit nicht, und er hält bereits seit zehn Jahren an. Genauso könnten viele in ein paar Jahren denken: Ach wäre ich nur damals trotzdem in den Markt eingestiegen! Es gibt immer Stimmen, die dagegen sprechen. Von Börsenguru Warren Buffet zum Beispiel heißt es, er bereite sich zurzeit auf den Absturz vor. Er halte Cash. So munkelte man aber auch schon Mitte 2017 und im Herbst 2016. Tatsächlich ist Buffet vor allem eines: Aktionär seit 1956 und inzwischen Großaktionär und Dollarmilliardär. Weil er Aktien hält.

Was dagegen abseits des Aktienmarkts zu holen war, haben Statistiker inzwischen auch ermittelt: 436 Mrd. Euro – so viel ist von 2010 bis 2017 verpufft, weil die Bundesbürger immer noch lieber das Geld auf Sparkonten horten, statt wenigstens einen Teil davon in Aktien anzulegen. Dadurch fahren wir nicht nur Nullrenditen ein, weil die Zinsen inzwischen bei Nullkommaeins-Prozent liegen oder noch tiefer. Sondern wir erleiden sogar dreistellige Milliardenverluste, weil die Geldentwertung ihr Übriges tut. Das muss man mit Aktien erst mal schaffen. Es klappte in der Vergangenheit höchstens, wenn man 1999 oder 2000 kurz vorm Dotcomcrash Aktien kaufte und sie genau im darauffolgenden Crash 2008 wieder verkaufte. Das brachte eine Rendite von Minus 0,5 Prozent, und damit immer noch mehr als heute auf dem Tagesgeldkonto nach Inflation übrig bleibt. Rein statistisch gesehen bekamen es aber Dax-Anleger ab elf Jahren Haltedauer gar nicht hin, mit weniger Geld aus dem Markt zu gehen, als sie dort investiert hatten. In den allermeisten Fällen war ein Investment sogar nach fünf Jahren schon wieder im Plus.

Und nun fragen Sie sich einmal ehrlich: Hätten Sie im ersten Quartal 2009 freiwillig in den Aktienmarkt investiert? Also kurz nach der großen Finanzkrise im Herbst 2008. „Sind Sie verrückt?“, werden viele jetzt sagen. Den Mut hatten die wenigsten Anleger, auch viele Hasen nicht. Wer es aber wagte, wie eine Schildkröte in kleinen Schritten permanent Geld in den Markt zu stecken, etwa über einen Sparplan, der hat sein Kapital seitdem verdreifacht, mit US-Aktien sogar vervierfacht. Und auch wer sich 2007 kurz vor dem Crash in den Markt wagte, hat bis heute kein Kapital verloren (es sei denn er verkaufte gleich 2008 wieder), sondern der freut sich sogar über eine Rendite von 9,5 Prozent – pro Jahr. Versuchen Sie das einmal mit einem Nicht-Aktien-Investment. Und jetzt ab ins Reich der Schildkröten!