GeldanlageWarum der Aktienmarkt eine Schildkröte ist

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Und wenn der große Crash gar nicht kommt?

Nun heißt das nicht, dass man sich besser ganz vom Markt fernhalten sollte. Im Gegenteil, sagen Verhaltensökonomen und Finanzmarktforscher. Und hier kommen die Schildkröten ins Spiel. Langfristanleger nämlich denken tatsächlich eher in Zeitspannen, die einem Schildkrötenleben entsprechen und deshalb können sie auch eine Strategie verfolgen, die sich eher der Geschwindigkeit des Kriechtiers anpasst. Das Wichtigste ist, dass sie auch in Zeiten wie diesen nicht den Kopf einziehen, sondern Schritt für Schritt in den Aktienmarkt hinein wandern.

Natürlich ist der große Crash direkt nach dem Markteintritt dabei ein Horrorszenario. Um ehrlich zu sein: Es passiert und es hat auch schon viele Anleger sehr viel Geld gekostet. Allerdings nur jene, die nicht nur gerade erst in den Markt eingestiegen waren, kurz bevor die Börsen abstürzten, also kurz vor dem Jahr 2000 etwa und kurz vor dem Herbst 2007. Sondern die dann auch während der Abschwungphase ihre Aktien sofort wieder verkauften. Die Hasen also. Oder eben mitten im nächsten Crash. Wer das erlebt hat, dem kann man eine große Risikoaversion wohl nicht verübeln. Doch gerade solche Anleger sollten wissen, dass es nicht unglückliche Ein- und Ausstiegszeitpunkte sind, die langfristige Schildkrötenanleger um ihr Geld bringen. Sondern dass denen etwas ganz anderes die Rendite wegfrisst: das Nichtbewegen nämlich. Das Abwarten.

Denn was ist, wenn der große Crash nicht kommt, sondern sich die Kurse auf absehbare Zeit eher schleichend entwickeln? Wenn weder einzelne Staaten noch der Euro wanken, sondern sich Europa weiter wie bisher durch seine Probleme wurstelt. Wenn die Europäische Zentralbank die Zinsen niedrig hält, statt sie demnächst zu erhöhen. Was die Aktien weiter stützen würde und alternative Zinsanlagen noch für längere Zeit unlukrativ machte. Wenn der Handelsstreit der USA nicht dazu führte, dass andere Volkswirtschaften beschädigt würden, sondern sie stattdessen Verbindungen zu anderen Staaten ausweiteten? Es gibt viele Szenarien, die derzeit kursieren. Dies ist nur eines davon – und ganz unwahrscheinlich ist es nicht.

Deutsche Sparer verpassen Chancen

Ob es eintritt wissen wir nicht morgen oder übermorgen. Und schon gar nicht dadurch, dass es knallt. Sondern vielleicht erst in einigen Jahren, wenn sich Plateaus zu längeren Seitwärtsbewegungen entwickelt haben oder von sanften Abwärtsschwüngen wieder in Aufwärtswellen übergegangen sind. Wir wissen es, wenn wir irgendwann zurückschauen. Auch an den jetzigen Aufschwung glaubten viele Marktbeobachter lange Zeit nicht, und er hält bereits seit zehn Jahren an. Genauso könnten viele in ein paar Jahren denken: Ach wäre ich nur damals trotzdem in den Markt eingestiegen! Es gibt immer Stimmen, die dagegen sprechen. Von Börsenguru Warren Buffet zum Beispiel heißt es, er bereite sich zurzeit auf den Absturz vor. Er halte Cash. So munkelte man aber auch schon Mitte 2017 und im Herbst 2016. Tatsächlich ist Buffet vor allem eines: Aktionär seit 1956 und inzwischen Großaktionär und Dollarmilliardär. Weil er Aktien hält.

Was dagegen abseits des Aktienmarkts zu holen war, haben Statistiker inzwischen auch ermittelt: 436 Mrd. Euro – so viel ist von 2010 bis 2017 verpufft, weil die Bundesbürger immer noch lieber das Geld auf Sparkonten horten, statt wenigstens einen Teil davon in Aktien anzulegen. Dadurch fahren wir nicht nur Nullrenditen ein, weil die Zinsen inzwischen bei Nullkommaeins-Prozent liegen oder noch tiefer. Sondern wir erleiden sogar dreistellige Milliardenverluste, weil die Geldentwertung ihr Übriges tut. Das muss man mit Aktien erst mal schaffen. Es klappte in der Vergangenheit höchstens, wenn man 1999 oder 2000 kurz vorm Dotcomcrash Aktien kaufte und sie genau im darauffolgenden Crash 2008 wieder verkaufte. Das brachte eine Rendite von Minus 0,5 Prozent, und damit immer noch mehr als heute auf dem Tagesgeldkonto nach Inflation übrig bleibt. Rein statistisch gesehen bekamen es aber Dax-Anleger ab elf Jahren Haltedauer gar nicht hin, mit weniger Geld aus dem Markt zu gehen, als sie dort investiert hatten. In den allermeisten Fällen war ein Investment sogar nach fünf Jahren schon wieder im Plus.

Und nun fragen Sie sich einmal ehrlich: Hätten Sie im ersten Quartal 2009 freiwillig in den Aktienmarkt investiert? Also kurz nach der großen Finanzkrise im Herbst 2008. „Sind Sie verrückt?“, werden viele jetzt sagen. Den Mut hatten die wenigsten Anleger, auch viele Hasen nicht. Wer es aber wagte, wie eine Schildkröte in kleinen Schritten permanent Geld in den Markt zu stecken, etwa über einen Sparplan, der hat sein Kapital seitdem verdreifacht, mit US-Aktien sogar vervierfacht. Und auch wer sich 2007 kurz vor dem Crash in den Markt wagte, hat bis heute kein Kapital verloren (es sei denn er verkaufte gleich 2008 wieder), sondern der freut sich sogar über eine Rendite von 9,5 Prozent – pro Jahr. Versuchen Sie das einmal mit einem Nicht-Aktien-Investment. Und jetzt ab ins Reich der Schildkröten!