KolumneWarum Aktien eine neue Werbebotschaft brauchen

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Warum überhaupt Geld-Alarm?

Überhaupt: Geld-Alarm? Ich vermute, unter deutschen Sparern geht es zu wie in jedem großen Bürogebäude, wenn ein Feueralarm ausgelöst wird. Niemand rennt zu den Treppen und zum Sammelpunkt. Jeder steckt erst mal den Kopf durch die Tür auf den Flur und guckt, was die anderen so machen, ob es nicht ein Fehlalarm ist, der einen nur vom Arbeiten abhält.

Und tatsächlich gibt es gewichtige Gründe, dass auch dieser „Alarm“ gar keiner ist. Die Sparer in den größten Industriestaaten der Welt hatten in den letzten 120 Jahren in einem Drittel der Zeit mit negativen Realzinsen zu tun, also der Situation, die nun den „Geld-Alarm“ definiert (und belegt, dass es vielleicht doch noch andere Gründe für negative Realzinsen als die EZB geben könnte).

Zudem klingelt es nicht erst seit ein paar Tagen, sondern seit acht Jahren. So lange schon sind die Realzinsen auf kurzlaufende Einlagen unter null Prozent. Ungefähr so lange propagieren viele Finanzdienstleister auch, an der Aktie führe nun erst recht kein Weg vorbei zum langfristigen Vermögensaufbau. Selbst wenn man diese Theorie akzeptiert (und wir bei Capital sehen das, wie erwähnt, auch so): Die Zahl der Aktionäre in Deutschland ist seit 2010 um gerade mal 1,5 Millionen gestiegen, was nicht einmal den Rückgang seit der Finanzkrise 2008 ausgleichen konnte. Direkt investierten private Haushalte im letzten Jahr (im Verhältnis zum rund 370 Mal größeren Geldvermögen anämische) 15 Mrd. Euro netto neu in Aktien trotz annähernd Vollbeschäftigung, Nullzinsen und brummender Konjunktur.

Sparer präferieren Liquidität und Sicherheit

An dieser Stelle müsste einem eigentlich der Gedanke kommen, dass die stetige Wiederholung der immer gleichen Botschaft, wonach an Aktien kein Weg vorbeiführt, ganz offensichtlich in Deutschland nicht verfängt. Und dass es dafür einige plausible Gründe gibt. Um nur einige zu nennen: Das Vorsorgesparen für sich selbst sowie für Kinder und Enkel – um diese beiden Dinge geht es meist, wenn man über Aktienanlagen spricht – ist nur eines von vielen möglichen Sparmotiven. Nicht einmal die Hälfte der Haushalte gibt es laut Bundesbank als wichtigstes Sparmotiv an. Es konkurriert mit dem Sparen für Anschaffungen, dem Immobiliensparen und dem Angstsparen vor Notsituationen. Für diese drei Ziele sind Aktien und Aktienfonds nur bedingt geeignet – und vermutlich wissen das auch die Sparer.

Zudem ist ein realer Verlust auf die Sparguthaben zwar unschön. Trotzdem sehen sie viele Sparer als die für sie geeignetste Sparform an, weil sie eine starke Präferenz für Liquidität und Sicherheit haben. Diese Sparer wissen womöglich um die Überlegenheit von Aktienrenditen. Aber sie haben schlicht keine Lust, sich diesen Schwankungen auszusetzen und sind bereit, die Opportunitätskosten dafür – entgangene Gewinne, reale Kaufkraftverluste – zu tragen. Und sie werden zunehmend ungehalten darüber, wenn man ihnen unterstellt, sie seien dumm oder finanziell ungebildet, weil sie das tun, was sie tun – auf diesen Effekt weist etwa der Psychologe Hans-Joachim Karopka hin, den wir bei Capital zu diesem Thema ausführlich interviewt haben (Capital-Sonderheft Vermögensaufbau 07/2018). Regelmäßig befragt er in Tiefeninterviews Menschen zu Sparen und Vorsorge. Den meisten Menschen, die überhaupt sparen und vorsorgen könnten ginge es so gut, dass sie schon froh wären, wenn alles so bliebe, wie es im Hier und Jetzt ist, so Karopka. An höheren Renditen besteht gar kein Interesse. Auf höhere Renditen zielen aber die meisten Kampagnen.

Eine weitere mögliche Erklärung ist ein grundlegendes Missverständnis über die Entwicklung des Geldvermögens privater Haushalte. Es wächst (nominal) seit der Finanzkrise ordentlich, um rund drei Prozentpunkte pro Jahr das Bruttogeldvermögen, und um im Schnitt vier Prozentpunkte pro Jahr das Nettogeldvermögen privater Haushalte, also abzüglich der Schulden. Natürlich: Da wäre sehr viel mehr drin mit mehr Aktien. Der starke Liquiditätsüberhang bei Banken ergibt wiederum neue Probleme, die ebenfalls auf die Gemeinschaft aller Kunden und Steuerzahler zurückfallen. Aber sind drei bis vier Prozent Wachstum des Geldvermögens ein „Alarm“-Signal? Alarmierend ist hier allenfalls die Verteilung dieses Wachstums über die Einkommensdezile, aber das ist eine andere Geschichte.