PleitefondsVorsicht vor dubiosen Anlegeranwälten!

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Wie Juristen in solchen Fällen an die Adressen kommen, bleibt oft nebulös. Bei Pleitefirmen sollen manche einfach aus dem Insolvenzregister die Gläubigerliste herauskopieren und die Anleger anschreiben, was illegal ist. Im Zweifel fällt es einfach niemandem auf. Eine zweite Möglichkeit, relevant bei geschlossenen Fonds: Vertritt ein Anwalt einen einzigen geschädigten Anleger, muss ihm die Fondsverwaltung die Namen der anderen Investoren nennen. Die sollen sich so zusammenschließen können, wenn ein Fonds kriselt.

Die Nebenwirkung der Transparenz: „Manche meiner Mandanten erhalten gleich von mehreren Kollegen Anschreiben“, sagt die Düsseldorfer Anlegeranwältin Nicole Mutschke. Sie sammelt die Briefe und kann sich manchmal nur wundern. Etwa über Kollegen aus Norddeutschland, die in ihrem Anschreiben bereits von Sammelklage und Schadensersatz fabulieren – obwohl sie für Jura-Laien kaum erkennbar zugeben, nicht ausgiebig geprüft zu haben, ob es dafür eine Basis gibt.

Solche Schreiben alarmieren auch die staatlich geförderten Verbraucherschützer. „Viele Anwälte suggerieren, das Verfahren sei quasi schon gewonnen, und versprechen das Blaue vom Himmel“, sagt Wolf Brandes von der Verbraucherzentrale Hessen. „Sie nutzen Wut und Unkenntnis der Anleger aus.“ Nur zu gern verschweigen die Anwälte beispielsweise, wie komplex die Fälle meist sind, wie schwierig es ist, Geld wiederzubekommen, einen Betrug nachzuweisen, die Hintermänner aufzutreiben. „Anleger brauchen viel Durchhaltevermögen“, sagt Brandes.

Diesen Willen hätten die Wustrows vielleicht sogar gehabt. Aber so weit kam es erst gar nicht. PWB teilte ihnen nach einiger Zeit einfach mit, das angestrebte Güteverfahren sei gescheitert. Der TÜV wolle nicht mitmachen, seine Teilnahme wäre ohnehin freiwillig gewesen. Darauf hatte PWB zwar früh, aber diskret auf den hinteren Seiten des Briefs hingewiesen – sodass man es leicht überlesen konnte.

Viele Kollegen denken, sie könnten eben einen schnellen Euro machen

Peter Mattil

Die Sache ist nur: „Das Vorgehen war von vornherein unnütz. Einem außergerichtlichen Vergleich stimmt jemand in dieser Situation nur zu, wenn die Beweislast eindeutig ist“, sagt Christoph Niering, Vorsitzender des Berufsverbands der Insolvenzverwalter. In puncto TÜV ist aber nichts eindeutig, die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt ja noch immer.

Trotzdem schickt PWB den Wustrows eine Rechnung über 1000 Euro. Die Kanzlei äußert sich auf Anfrage von Capital nicht zum Güteverfahren und will zu den laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Gera keine konkrete Stellungnahme abgeben. Dort geht es um ein Verfahren, das auch geringe Erfolgsaussichten gehabt haben soll.

Eine verrohte Zunft?

Die Frage ist, wie die Zunft teils so verrohen konnte. Die Antwort da-rauf gibt Anwalt Mattil aus München, ein Urgestein der Branche. „Vor der Jahrtausendwende gab es vielleicht 15 Kanzleien, da kannte quasi jeder jeden“, erzählt er. Und dann kam der Neue Markt, die Technologie-blase an den Aktienmärkten und sieben Jahre später die weltweite Finanzkrise. Jetzt gab es massenweise Privatanleger, die Geld verloren hatten – mit Papieren der US-Investmentbank Lehman Brothers, mit isländischen Banken, mit geschlossenen Fonds. „Plötzlich tauchten da Anwälte auf, von denen keiner gehört hatte“, sagt Mattil.

Mittlerweile gibt es mehr als 1000 Fachanwälte für Bank- und Kapitalmarktrecht, doppelt so viele wie 2011. Viele weitere Juristen arbeiten ohne den Titel in diesem Bereich. „Viele Kollegen denken, sie könnten eben einen schnellen Euro machen“, sagt Mattil. Bei den meisten Verfahren geht es um fünfstellige Streitwerte, da locken üppige Honorare.