Interview"Wir unterschätzen alltägliche Gefahren"

Seite: 4 von 4

Seltene Gefahren ausblenden

Was empfehlen Sie?

Meine Empfehlung wäre – das ist allerdings dann eher eine gesellschaftliche Sichtweise –, in solchen Fällen auf Experten zu hören. Das gilt zum Beispiel für die Frage, ob Atomkraft, der Anstieg des Meeresspiegels oder Handystrahlen gefährlich sind oder nicht …

… na ja, aber Experten finden Sie immer für beides …

Ich will darauf hinaus, dass es in diesen Fällen ratsam ist, rational vorzugehen und die Intuition abzuschalten. Solche Gefahren wirken sehr bedrohlich, bei ihrer realistischen Einschätzung versagen unsere evolutionären Systeme völlig.

Wann lohnt es noch, auf den Nachdenkmodus umzuschalten?

Es macht einfach Sinn, extrem seltene Risiken wie einen Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt auszublenden. Solche Sorgen vergällen uns ansonsten unnötig den Tag. Bei Alltäglichem lohnt es hingegen mehr, hinzuschauen und sich zu fragen: Wie häufig ist das Risiko und vor allem wie gravierend? Also: Gehen Sie ruhig weiter auf den Weihnachtsmarkt, fahren Sie aber besser nicht mit dem Auto oder gar Motorrad hin.

Hilft so eine Folgenabschätzung auch bei der Auswahl von privatem Versicherungsschutz?

Natürlich. Häufige Kleinschäden wie eine zerbrochene Brille oder ein Handy muss man zum Beispiel nicht versichern. Die Folgen sind nicht gravierend. Anders sieht es aus, wenn ich mit dem Fahrrad jemanden anfahre und er danach nicht mehr arbeiten kann. Das ist selten, aber extrem teuer. Dafür braucht man unbedingt eine private Haftpflichtversicherung. Viele Leute versichern sich aber bevorzugt gegen geringfügige Schäden. Die Prämie ist dann eigentlich nur der Preis, um sich den Ärger nach einem Schaden zu sparen. Von solchen Bagatellversicherungen kann man fast durchweg abraten.

„Wissen und Machen liegen weit auseinander“

Bei Versicherungen lohnt also ein rationales Vorgehen?

Ja, genau, da geht es – wie in der Geldanlage auch – meist um viel Geld. Diese Entscheidungen haben einen großen Hebel. Wenn ich mich da zusammenreiße und nachdenke, kann ich mir später ein paar schöne, aber unrationale Extras leisten wie einen teuren Restaurantbesuch …

Schön gesagt, aber wie motiviert man sich, diese Erkenntnis auch umsetzen?

Zugegeben, das ist ein bisschen das Problem: Wissen und Machen liegen weit auseinander. Am besten ist, das Thema überlegt anzugehen – und sei es, damit man danach wieder ein paar Jahre Ruhe hat.

Und wie halten Sie es: Checken Sie Ihre Risiken regelmäßig?

Bei der Einschätzung von Alltagsrisiken bin ich durch meine Forschung geprägt und schätzungsweise 50 Prozent rationaler …

Na, ist das jetzt nicht ein Fall männlicher Kontrollüberschätzung?

(lacht) Ich hoffe nicht. Zudem helfen einfache Regeln. Die wichtigste Frage beim Versichern ist beispielsweise: Kann ich den möglichen Schaden zur Not auch selbst bezahlen? Nur falls die Antwort „Nein“ lautet, brauche ich wirklich einen Vertrag.

Das Interview ist zuerst in Capital 07/2017 erschienen. Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon