Interview"Wir unterschätzen alltägliche Gefahren"

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Die Vergangenheit wird verklärt

Und in welchen Fällen fahren wir nicht gut mit der Intuition?

Das Dumme ist, dass uns die Intuition bei wichtigen Risiken oft in die Irre führt. Da würde es lohnen, intensiver nachzudenken. Stellen Sie sich vor, Sie wollen für den Fall vorsorgen, dass Sie nicht mehr arbeiten können. Das ist wichtig, denn die Arbeitskraft ist für die meisten das größte Kapital. Das Unfallrisiko haben Sie präsent, doch schwere Unfälle sind de facto selten. Ihre Arbeitskraft sichern Sie daher besser über eine Berufsunfähigkeitsversicherung ab, die auch bei der viel häufigeren krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit zahlt, zum Beispiel bei Rückenproblemen. So etwas wird drastisch unterschätzt.

Wir schätzen Risiken falsch ein, weil wir zu träge sind, mehr nachzudenken?

Ja, klar. Im Alltag führt das zu Absurditäten: Busfahren ist zum Beispiel eine sehr sichere Form der Fortbewegung. Und dennoch erleben Sie mit Kindern folgende Situation: Wenn beim Schulausflug ein Bus ohne Anschnallgurte kommt, steigen manche besorgte Mütter zurück ins Auto und fahren ihre Kinder nach Hause, bis ein Ersatzbus da ist. Rein statistisch betrachtet war diese Autofahrt dann weit gefährlicher als eine Busfahrt ohne Gurt …

Wie wichtig ist Erfahrung für eine realistische Einschätzung?

Sie hilft nur bedingt, denn sie treibt generell die Schadenerwartung nach oben. Wer ein Risiko selbst oder in der Familie erlebt hat, hält es für 10- bis 50-mal wahrscheinlicher als andere. Aber das gilt eben für unterschätzte Risiken wie Alkoholsucht genauso wie für überschätzte Risiken, zum Beispiel ein Flugzeugunglück.

Ältere mit großem Erfahrungsschatz haben also keinen Vorteil?

Nein. Jüngere Leute liegen zum Beispiel bei der Einschätzung, wie sich die Gewaltkriminalität oder die Zahl tödlicher Verkehrsunfälle in den letzten zehn Jahren entwickelt haben, häufiger richtig. In beiden Bereichen vermuten die meisten Menschen eine Verschlechterung, obwohl die faktische Entwicklung positiv war. Der Grund ist: Wir neigen dazu, die Vergangenheit zu verklären. Daher kommt das Gefühl: „Früher war alles besser.“ Weil uns Medien zudem laufend mit schlechten Nachrichten konfrontieren, sehen wir tendenziell eine Entwicklung zum Negativen, selbst wenn die Fakten klar dagegensprechen.

Männer überschätzen ihre Fähigkeiten

Welche Risikoarten werden denn typischerweise unterschätzt?

Für uns persönlich unterschätzen wir alltägliche Gefahren, die wir vermeintlich selbst beeinflussen können, etwa eine Scheidung oder Alkoholsucht. So etwas ist in unserer Wahrnehmung zwar präsent, aber nur als Problem der anderen. Nur ist es eben für alle ein Problem der anderen.

Männer gehen aber doch mehr Risiken ein als Frauen …

… stimmt, weil Männer stärker dazu neigen, ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Das ist ein stabiler Befund – ob bei der Geldanlage oder anderswo. Kontrollüberschätzung ist übrigens auch der Faktor, warum Flugzeuge als gefährlicher wahrgenommen werden als Autos. Beim Flugzeug bin ich ausgeliefert, beim Auto sitze ich am Steuer und könnte theoretisch reagieren. Wir überschätzen unseren Einfluss sogar in völlig zufälligen Situationen, auf die man überhaupt keinen Einfluss hat, wie zum Beispiel am Roulettetisch.

Welche alltäglichen Risiken, die wir vermeintlich kontrollieren können, werden denn am stärksten verkannt?

Zum Beispiel die Gefahr, in einen Rechtsstreit verwickelt zu werden. Denken Sie mal an Ihren Vermieter, den Nachbarn oder den Verkehr. In so etwas hängt man schneller drin als gedacht.

Können wir denn neue technische Gefahren wie Datenklau oder Computerkriminalität einigermaßen realistisch einschätzen?

Nein, solche neuen oder extrem seltenen Risiken blenden wir erst einmal aus. Wenn die Gefahr dann ins Bewusstsein rückt, wird sie überschätzt. Also: Entweder ich denke nicht über Strahlenbelastung durch den Mobilfunk nach, oder ich neige dazu, sie drastisch zu überschätzen. Es wird entweder sträflich vernachlässigt oder aufgebauscht. Einen realistischen Umgang mit solchen Risiken kriegen wir kaum hin.