Interview"Wir unterschätzen alltägliche Gefahren"

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„Wir denken nicht in Wahrscheinlichkeiten“

Aber wie erkennt man dann wirklich gravierende Gefahren?

Indem man mehr auf kumulierte Risiken schaut. Motorradfahren ist zum Beispiel pro 1000 Kilometer dramatisch gefährlich. Wenn ich von einem Freund eingeladen werde, plädiere ich dennoch für Abenteuer und fahre auch mal mit. Kaufe ich mir allerdings selbst ein Motorrad und fahre jedes Wochenende in die Eifel, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls immens. Die Frage ist also immer auch: Wie oft setze ich mich einer Gefahr aus?

Warum nehmen die meisten Menschen Risiken verzerrt wahr?

Wir Menschen sind nicht in der Lage, in Wahrscheinlichkeiten zu denken. Es entspricht uns einfach nicht. Risiken sind ja strenggenommen eine statistische Sache. Das Problem ist, dass uns die Evolution das Schätzen von Wahrscheinlichkeiten nicht beigebracht hat. Die meisten Menschen sind schon mit relativ einfachen Wahrscheinlichkeitsfragen überfordert.

Haben Sie ein Beispiel?

Angenommen, ich werfe zweimal hintereinander eine Münze. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass zweimal die Zahl oben liegt? Beim ersten Mal: 50 Prozent, beim zweiten Mal auch – also insgesamt 25 Prozent. Wenn ich jemandem 30 Sekunden für eine Antwort darauf gebe, sind die meisten überfordert. Noch krasser ist der Effekt, wenn es um große Zahlen geht. Die meisten können zwar noch zutreffend einschätzen, was eine Million ergibt – 1000 mal 1000. Aber nur noch eine Minderheit weiß, was eine Milliarde ist – 1000 mal eine Million.

Woran liegt das?

Unser Gehirn ist nicht dafür konzipiert. Deshalb greifen wir zu einem Hilfsmittel: Wir ersetzen die schwierige Frage, wie wahrscheinlich ein bestimmtes Ereignis ist, durch eine einfachere: Wie gut kann ich mir das vorstellen? Meist ist das sogar ein gutes Rezept, um durch das Leben zu kommen. Schließlich kann ich mir ein häufiges Ereignis besser vorstellen als ein seltenes.

Terrorgefahr wird überschätzt

Wir orientieren uns an der Vorstellbarkeit anstatt an Wahrscheinlichkeiten?

Genau, Sie kennen das von der Zeitungslektüre: Eine Statistik über sinkende Unfallzahlen nimmt man nicht so wahr wie die drei Fotos von Autounfällen. Was erinnern wir? Abstrakte Zahlen verschwinden aus dem Bewusstsein, Bilder bleiben. Schlimme Unfälle können wir leicht aus dem Gedächtnis abrufen. Alles, was wir uns leicht vorstellen können, halten wir auch für besonders wahrscheinlich.

Also werden spektakuläre Gefahren überschätzt?

Ja, extrem überschätzt ist etwa Terrorismus. Ich habe dazu mal eine Berechnung gemacht: Wir haben geschaut, wie gefährlich Menschen es finden, in bestimmte Länder zu fahren, und die Ergebnisse den tatsächlichen Risiken gegenübergestellt. Man sieht: Das Risiko von Ländern, in denen es aktuelle Anschläge gab, wird dramatisch überschätzt.

Warum haben wir den Umgang mit Wahrscheinlichkeiten bisher nicht gelernt? Ist das keine nützliche Fähigkeit zum Überleben?

Die Wahrheit ist: Wir sind ein bisschen bequem. Wir zerbrechen uns nur über ganz wenige Dinge den Kopf. Stark vereinfacht nutzen wir zwei Arten von Entscheidungen: Die eine ist automatisiertes Handeln, wie der Fluchtreflex oder das Schalten beim Autofahren. Da müssen Sie nicht nachdenken, Sie fahren mit dem Autopiloten. Beim bewussten Denken hingegen sind wir eher faul. Die amerikanische Psychologen Kahneman und Tversky haben das exzellent dargestellt. Wir probieren erst einmal, ob etwas automatisch geht, bevor wir nachdenken.

Wir entscheiden lieber schnell statt aufwendig?

Wir mögen Abkürzungen. Das ist gut, denn es hilft, komplexe Situationen im Alltag schnell zu bewältigen. Ich sage meinen Studenten immer: Wenn ihr alle Entscheidungen nach dem Aufstehen gut überlegt treffen würdet, wärt ihr jetzt noch nicht mit dem Zähneputzen fertig. Außerdem brauchen wir eine gewisse Leichtigkeit im Leben. Für die psychische Gesundheit ist die Abkürzung daher oft der richtige Weg.