Interview"Wir unterschätzen alltägliche Gefahren"

Berlin, Manchester, London, Barcelona – der schreckliche Terror ist in den Nachrichten und Zeitungen allgegenwärtig. Die Sinne vieler Menschen sind auf das Äußerste angespannt. Und dennoch mahnen Wirtschaftspsychologen, sich von solchen Katastrophenmeldungen nicht allzu sehr verunsichern zu lassen. Sie raten zu mehr Gelassenheit oder sogar zum Ausblenden der Gefahr. Warum? Weil Terroranschläge zwar bedrohlich sind, ihre Häufigkeit aber deutlich überschätzt wird.

Zu diesem Ergebnis kommen Ökonom Horst Müller-Peters, Professor an der Technischen Hochschule Köln, und Mathematikerin Nadine Gatzert, Professorin an der Universität Erlangen-Nürnberg, in ihrer gemeinsamen Studie zur „Wahrnehmung und Fehlwahrnehmung von Alltagsrisiken“. Ihr Befund: „Unsere Wahrnehmung von Risiken weicht systematisch von der Realität ab.“ Während Menschen dazu neigen, die Gefahr durch große Unglücke zu überschätzen, unterschätzten sie weitaus -realere Risiken – zum Beispiel die Gefahr, nicht mehr arbeiten zu können.

Im Interview mit Capital erläutert Müller-Peters, warum das so ist – und wie jeder sein privates Risikomanagement verbessern kann.

Herr Müller-Peters, Sie erforschen, wie die Deutschen im Alltag mit Risiken umgehen. Hand aufs Herz: Wovor haben Sie noch Angst?

(lacht) Leider vergisst man viele schlaue Sachen, die man erforscht hat, im Alltag wieder. Deshalb kann ich kaum sagen, ich könnte mit Angst besser umgehen. Aber etwas realistischer wird man schon: Klassische Angstmacher wie tödliche Autounfälle oder Flugzeugabstürze beunruhigen mich kaum. Da wird man mutiger. Sorgen bereiten mir eher gesundheitliche Themen wie eine dauerhafte Erkrankung. Das sind Ereignisse, die mit viel größeren Wahrscheinlichkeiten eintreten. Aber auch Motorradfahrer wird man mit meinem Hintergrund nicht unbedingt. Das Risiko eines Unfalls ist relativ hoch.

Sie leisten sich also keine gefährlichen Hobbys …?

Höchstens Hobbys, die gefährlich erscheinen. Ich segele viel und habe mit meiner Familie schon den Atlantik überquert. Damals haben viele Bekannte gesagt: „Das ist aber gefährlich!“ Doch was einem riskant erscheint, ist auch eine Frage der Perspektive. Als wir von der Tour zurückkamen, haben wir uns kaum noch getraut, die viel befahrene Straße drei Blocks weiter zu überqueren. Das schien uns riskant, nachdem wir so lange aus der Zivilisation raus waren.

Aber Risiken sind doch mehr als eine Frage der Perspektive …

Ja, genau. Das Dumme ist nämlich: Unsere Wahrnehmung weicht oft von der Realität ab. Wir reagieren meist automatisch, nicht bewusst – auch das führt dazu, dass wir Risiken falsch einschätzen. Außerdem neigen wir Menschen dazu, unsere Fähigkeiten und Einflussmöglichkeiten zu überschätzen.

Das heißt, die größten Risiken lauern im Alltag – wenn wir denken, wir hätten alles im Griff?

Stimmt, seltene Ereignisse überschätzen wir, häufige unterschätzen wir. Das Risiko, zum Beispiel an Krebs zu erkranken, wird um das 13-Fache unterschätzt, obwohl es jeden zweiten Mann und zwei von fünf Frauen trifft. Oder nehmen Sie Wasserschäden: Bei starkem Regen drückt sich das Wasser oben aus den Gullys und läuft in die Häuser. Das sind oft große Schäden, die wehtun. Es macht Sinn, sich dagegen zu versichern. In unserer Wahrnehmung passiert so etwas aber immer nur den anderen.