TürkeiAuf Erdogan warten massive Wirtschaftsprobleme

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei der Amtseinführung
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei der Amtseinführungdpa

Recep Tayyip Erdogan lässt sich nicht so einfach vom Thron stürzen. Noch bevor die Stimmen der türkischen Präsidentschaftswahl Ende Juni ausgezählt waren, zeichnete sich ab: Er bleibt Staatspräsident – trotz eines überraschend energischen Wahlkampfes seines Herausforderers Muharrem Ince. Erdogans Wahlsieg hat die Kurse türkischer Aktien in die Höhe getrieben. Auf längere Sicht steht der Präsident allerdings vor einer gewaltigen Aufgabe. Es geht um nicht weniger als darum, die Türkei vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu bewahren.

Für Investoren bedeutet Erdogans Wiederwahl zunächst nur, dass die Unsicherheit über den Wahlausgang ein Ende hat. Anleger hassen Unsicherheit. Kein Wunder, dass sich der türkische Leitindex ISE 100, der in den vergangenen Monaten deutlich nachgegeben hatte, seit Erdogans Sieg wieder leicht erholt hat. Das eindeutige Wahlergebnis habe eine Erleichterungsrally in Gang gesetzt, kommentiert Fidelity-Fondsmanager Paul Greer. Mittel- bis langfristig bleibe die Lage in der Türkei allerdings schwierig.

Lira-Verfall belastet die Wirtschaft

Das ist milde ausgedrückt. Eines der größten Probleme am Bosporus ist die Inflation: Im Juni lag sie um 15,4 Prozent höher als im Vorjahresmonat und erreichte den höchsten Stand seit 15 Jahren.


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Die türkische Lira, die seit Monaten an Wert verliert, gab nach Veröffentlichung der Inflationsdaten gegenüber dem Euro und dem US-Dollar weiter nach und befindet sich mittlerweile auf einem Rekordtief. Weil die Türkei deutlich mehr Waren importiert als exportiert, belastet der Lira-Verfall die Wirtschaft stark. Und nicht nur der: Auch die hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Türken sowie der Schuldenberg der heimischen Unternehmen sind Probleme, für die Erdogan Lösungen finden muss.


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Dass die Verantwortung für die desolate Wirtschaft nun vor allem auf Erdogans Schultern ruht, hat sich der Präsident selbst zuzuschreiben. Im Frühjahr dieses Jahres hatte er per Referendum über ein Paket mit Verfassungsänderungen abstimmen lassen, das dem Staatspräsidenten deutlich mehr Macht verleiht. Künftig bringt er etwa den Entwurf für den Staatshaushalt ins Parlament ein. Dessen Mitglieder können den Entwurf zwar ablehnen. Der Präsident kann allerdings jederzeit Neuwahlen anberaumen.

Externe Beobachter tun sich schwer, Erdogan in der Rolle des Wirtschaftsretters zu sehen. „Die dringend erforderlichen Strukturreformen dürften sich in absehbarer Zeit nicht einstellen“, sagt Fidelity-Fondsmanager Greer. Die Lage könnte sich sogar weiter verschärfen. Grund: Türkische Unternehmen haben einen hohen Bedarf an Kapital aus dem Ausland. Als Reaktion auf Erdogans zunehmend autokratischen Regierungsstil haben sich jedoch viele ausländische Investoren zurückgezogen. Ein Ende der Kapitalabflüsse ist nicht in Sicht. Erdogans Poltern gegen ausländische Finanzmarktakteure verschärft die Lage noch.

Erdogan wehrt sich gegen Zinserhöhungen

So hatte er der US-Ratingagentur Standard & Poor’s, nachdem sie im Zuge des gescheiterten Putsches im Jahr 2016 die Kreditwürdigkeit der Türkei schlechter beurteilt hatte, „Türkenfeindlichkeit“ vorgeworfen. Im Mai dieses Jahres stufte Standard & Poor’s mit Verweis auf die hohe Inflation die Bonitätsnote des Landes erneut herab, auf aktuell „BB-“. Die Retourkutsche des Präsidenten ließ nicht lange auf sich warten. Von Devisenspekulanten, der „Zinslobby“ sowie „Feinden der Türkei unter dem Deckmantel von Ratingagenturen“ halte er gar nichts, ließ Erdogan wenig später verlauten.

Sollte Erdogan sich darum bemühen, den Staatshaushalt zu konsolidieren und die Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank gewährleisten, dürfte das den türkischen Aktienmarkt stützen, urteilt Damien Buchet, Chefanlagestratege des britischen Fondsanbieters Finisterre Capital. Indes: Solche Bestrebungen liegen dem türkischen Präsidenten offensichtlich fern. So will die türkische Notenbank mit höheren Leitzinsen gegen die Teuerung und den Lira-Verfall ankämpfen. Erdogan ist aber ein erklärter Gegner hoher Zinsen – und hatte bereits vor der Wahl angekündigt, die Notenbank im Fall eines Sieges stärker an die Kandare nehmen zu wollen.