InterviewAltersvorsorge für Paare: Gemeinsam leben, getrennt vorsorgen

Susanne Kazemieh
Susanne Kazemieh Privat

Die Lücke schrumpft, aber Frauen verdienen im Schnitt immer noch weniger Geld als Männer, haben längere Auszeiten vom Erwerbsleben und müssen mit einer geringeren Altersrente auskommen. Susanne Kazemieh will das nicht hinnehmen. Sie leitet die Frauenfinanzgruppe in Hamburg und sucht gemeinsam mit ihren Kundinnen nach klugen Vorsorgestrategien. Oft bittet Kazemieh dafür auch die Männer zur Kasse.

Capital: Frau Kazemieh, deutsche Paare gehen Vorsorge und Finanzen oft gemeinsam an. Ist das klug?

SUSANNE KAZEMIEH: Schön, wenn Paare überhaupt offen über Geld reden. Insbesondere frisch Verheiratete neigen dazu, das Thema Vorsorge auszuklammern, weil es so gar nicht in das romantische Bild passt. In vielen Beziehungen bedeutet das „gemeinsam angehen“ allerdings, dass der Mann immer noch der Bestimmer ist. Das ist gefährlich. Vor allem um die vermeintlich gemeinsame Lebensversicherung, bei der er der alleinige Versicherungsnehmer und damit Bestimmer ist, sollten Frauen einen großen Bogen machen. Sie könnten sonst leer ausgehen.

Wann ist der optimale Zeitpunkt, über Geld zu sprechen?

So früh wie möglich. Wenn sich zwei Menschen kennenlernen, finden sie heraus, ob sie zusammenpassen, gemeinsame Hobbys haben und so weiter. Genauso wichtig ist es, zu wissen, ob der Partner die eigenen Vorstellungen zum Thema Finanzen teilt. Wollen beide getrennt vorsorgen? Oder lebt der Mann in der Vorstellung, dass er der Verdiener ist und alles regelt? Passen die Vorstellungen nicht zusammen, droht später Streit.

Welche Strategie empfehlen Sie Paaren für die Vorsorge?

Im Bestfall sorgen Paare unabhängig voneinander vor und legen Geld jeweils über eigene Depots oder Versicherungen an. Nur so können beide ihre Vorstellungen verwirklichen, ohne in Abhängigkeit zum anderen zu geraten. Wenn sie zum Beispiel die Chancen der Aktienmärkte nutzen möchte, er aber auf klassische Lebensversicherungen schwört, können beide ihre Vorstellungen autonom umsetzen. Und nur mit Verträgen auf eigenen Namen gehen Sie sicher, dass Sie die ständige alleinige Verfügungsgewallt behalten.

Aber lebt eine Beziehung nicht von der Gemeinsamkeit und der Verantwortung füreinander?

Doch, das sind natürlich zentrale Themen. Wenn ich aber die Verfügungsgewalt über mein eigenes Geld aus der Hand gebe, begebe ich mich in Abhängigkeit. Und spätestens dann, wenn die Ehe auseinandergeht, habe ich ein großes Problem. Auch in einer funktionierenden Ehe macht es einen Unterschied, ob ich autonom über mein Geld verfügen kann oder erstmal den Partner fragen muss.

Wenn beide Partner getrennt voneinander vorsorgen, wie gleichen Frauen dann Einbußen zum Beispiel während der Elternzeit aus?

Meist bleiben die Frauen eine Zeitlang Zuhause und nehmen damit Renteneinbußen in Kauf. Das Elterngeld reicht in den meisten Fällen nicht, um zum Beispiel private Vorsorgeprodukte weiter zu zahlen. Anstatt die Versicherung für diese Zeit beitragsfrei zu stellen, sollte der Mann die Zeit überbrücken und für die Frau einzahlen. Da sich beide für das Kind entschieden haben, müssen auch beide die Folgekosten übernehmen, egal welcher Art. An dieser Stelle sei allen jungen Frauen geraten, das Thema „finanzielle Fairness in der Partnerschaft“ im Vorfeld der Familienplanung zu diskutieren. Ein Ehevertrag könnte hier für mehr Sicherheit sorgen. Leider ist es im Denken unserer Gesellschaft noch nicht ganz angekommen, dass Frauen – genauso wie Männer – für ihren Ruhestand vorsorgen müssen. Und sie können es. Mindestens genauso gut wie Männer.

 


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