GeldanlageSelbstschutz für Anleger

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Dicke Prospekte liest kein Mensch

Allerdings gibt es schon viele solcher Prospekte. Auch der Windkraftbetreiber Prokon reichte sie an seine Anleger aus – und machte trotzdem dicht. Mit Informationen geizen die Firmen nie, viele Prospekte sind über 100 Seiten dick. Das alles liest aber kein Mensch. Weil es schon jetzt viel zu viel ist. Privatleute legen solche Prospekte lediglich ins Regal. Und das ist auch in Ordnung so, entschied der Bundesgerichtshof.

Wer sich doch hindurchkämpft, versteht oft kein Wort: „Die gesamte Vermögenseinlage der Genussrechtsinhaber haftet jedoch nachrangig nach dem sonstigen Eigenkapital, insbesondere nach dem Kommanditkapital, für Verbindlichkeiten der Emittentin. Das Genussrechtskapital wird also im Falle eines Insolvenzverfahrens oder der Liquidation der Emittentin vor dem Kommanditkapital, aber nach Befriedigung aller nicht nachrangigen Ansprüche der Gläubiger zurückgezahlt.“ Zurückzahlen klingt gut, denken dann fast alle. Dass hier in Wahrheit steht, dass der Anleger im Pleitefall wahrscheinlich keinen Cent bekommt, erfasst so gut wie niemand.

Genauso wenig verstehen die meisten Anleger andere Informationen, die sie von Banken und Finanzberatern bekommen. Wissenschaftler haben die sprachliche Qualität von Produktinformationsblättern und Beratungsprotokollen untersucht, die seit ein paar Jahren ebenfalls pflichtgemäß ausgereicht werden müssen und entlarvten: Die Texte der Banken enthalten Bandwurmsätze und Schachtelkonstruktionen mit bis zu 119 Wörtern, sind voll von Anglizismen und komplizierten Verweisen auf allerlei Paragraphen. Man müsse schon studiert haben, um die zu verstehen. Am besten Betriebswirtschaft, Jura und Hermeneutik.

Die Prospektsprache versteht kein Mensch

Es geht also nicht um noch mehr Informationen, es geht um bessere. Das erkannte die US-Aufsichtsbehörde SEC schon vor geraumer Zeit. Sie rief 1996 eine Verständlichkeitsinitiative ins Leben, um Wertpapierprospekte leichter lesbar zu machen. Verständliche Wortwahl, einfache Satzstruktur, möglichst aktive Verben und keine Fachwörter, das war die Vorgabe. Und siehe da, Untersuchungen fanden heraus: Je einfacher die Prospekte geschrieben sind, desto mehr Menschen lesen sie auch. Und verstehen sie sogar. Die bloße Prospektpflicht dagegen laufe völlig ins Leere, solange wesentliche Inhalte so unverständlich ausgedrückt werden, dass sich die Anleger überfordert fühlen. Sie führe sogar geradezu vermehrt zu Fehlinvestments, weil sich die Investoren unter dem Finanzprodukt etwas völlig anderes vorstellten.

Hierzulande diskutiert man allenfalls mal vor Gericht, wie kompliziert ein Prospekt formuliert sein darf, also nur wenn Investments bereits schiefgegangen sind. Müssen nur berufsmäßige Investoren solche Broschüren verstehen oder auch Durchschnittsanleger? Wie sieht der Durchschnittsanleger überhaupt aus? Richter reden gern vom „verständigen und sorgfältigen Anleger“, von dem man schon erwarten könne, dass er eine Bilanz, also auch einen Prospekt lesen kann. Mit dem Normalanleger hat das wenig zu tun, sagen viele Juristen. Von denen kenne sich kaum einer mit Bilanzierungsregeln aus, zumal mit ausländischen.

Hinzu kommt, dass in den Prospekten ohnehin viel zu viel steht. Denn, so warnt auch die Aufsichtsbehörde BaFin immer wieder: „Eine inhaltliche Prüfung der Prospektangaben findet nicht statt. (…) Die BaFin billigt den Prospekt, nicht jedoch das Produkt als solches. Sie trifft auch keine Aussage über die Seriosität oder die Bonität des Emittenten.“ Ob die Zahlen darin also seriösen Kalkulationen entstammen oder reine Luftnummern sind, weiß außer dem Anbieter niemand.

Künftig kann die BaFin zwar die Rechnungslegung von Anbietern überprüfen lassen, wenn sie den Verdacht hat, dass etwas nicht stimmt. Und sie kann den Vertrieb bestimmter Produkte beschränken oder sogar verbieten, auch das steht im geplanten Gesetz. Doch schon jetzt ächzt die Behörde unter der Arbeitsbelastung. Und sie betont, dass die Anbieter solcher Finanzanlagen – anders als Banken und Finanzdienstleistungsinstitute – auch weiterhin nicht von ihr beaufsichtigt und kontrolliert werden. Von daher darf man gespannt sein, ob und wann es überhaupt zu solchen Verboten kommt.

Im Grunde kann man all diese Informationen in drei Sätzen zusammenfassen: Natürlich kann man in Unternehmensbeteiligungen, geschlossene Fonds oder Crowdfunding sein Geld stecken – wenn man notfalls einen Totalverlust verschmerzen kann. Mehr als zehn Prozent des liquiden Kapitals oder zwei Monatsgehälter sollten es aber keinesfalls sein. Nur viel Vorsicht hilft also viel, denn wer nicht zu viel riskiert, kann auch nicht zu viel verlieren. Schon Paracelsus wusste: Alles ist Gift und nichts ist ohne Gift – nur auf die Dosis kommt es an.