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Kommentar Schöne neue Krypto-Welt?

Der Bitcoin-Kurs hat eine turbulente Woche hinter sich
Der Bitcoin-Kurs hat eine turbulente Woche hinter sich
© IMAGO / Fotostand
China, die USA und ein paar Tweets von Elon Musk machen die Kurse von Kryptowährungen unberechenbar – das gleiche gilt für die Story dahinter. Zumal die eigentliche Revolution noch bevorsteht

Zu Weihnachten schenkte mein Schwager meinem ältesten Sohn 50 Euro und sagte, er wolle es gemeinsam mit ihm in eine Kryptowährung stecken, damit er die Idee und diese Welt kennenlernt und versteht. Da mein Sohn erst 13 ist, musste ich das Ganze natürlich ausbaden und steuern: erstmal die Coinbase-App herunterladen, Daten hinterlegen, Konto aufladen, und dann kauften wir Ether, der Gegenwert: rund 55 Dollar.

In den vergangenen Monaten zeigte ich meinem Sohn immer wieder, was aus seinem Geld geworden war, wie der Kurs stieg, fiel, schwankte, in der Spitze waren es über 200 Dollar. Fast jeden Tag bekam ich Push-Nachrichten: Kurs 12,5 Prozent hoch, 14,5 Prozent runter, 7,8 Prozent hoch, 11,4 Prozent runter. Mein Sohn machte große Augen, beriet sich mit seinem Patenonkel, ob er verkaufen sollte. Der aber schrieb: warten, halten, beobachten, lernen, Spaß haben. Es ging nicht um den Gewinn. Heute Morgen waren seine 0,04805708 Ether 131 Dollar wert, immerhin!

Ich erklärte meinen Sohn, warum diese Kurse so schwanken, in was wir überhaupt investiert hatten. Aber ehrlicherweise wäre es einfacher gewesen, ihm zu erklären, was eine Aktie ist. Da hätte ich ihm ein iPhone gezeigt und gesagt: Wenn Du Apple toll findest, kannst Du ein iPhone kaufen oder einen Anteil an dem Unternehmen, das diese Geräte herstellt. In der Straße zeigte ich auf Autos: Das Auto findest Du cool? Wenn Du glaubst, dass diese Firma Erfolg hat, kannst Du Anteil daran haben, eine Aktie kaufen, zu der Fabrik fahren, Dich davorstellen und sagen: Jetzt verdiene ich mit.

Bei Kryptowährungen fiel es mir schwerer, es so simpel zu erklären, ich konnte die Story auch nie voller Überzeugung erzählen. Mein Schwager würde laut lachen und sagen, weil ich diese Geschichte vielleicht nicht ganz verstanden habe, womit er Recht haben könnte. Und damit sind wir mitten im Thema: Denn zumindest habe ich verstanden, was an dieser Geschichte nicht mehr so ganz intakt sein könnte.

In dieser Woche ist der Kurs von Bitcoin um bis zu 30 Prozent abgestürzt, nachdem China Banken und andere Finanzinstitute davor gewarnt hatte, Digitalwährungen für Zahlungszwecke zu verwenden. Innerhalb weniger Tage wurde im gesamten Markt für Kryptowährungen die unwahrscheinliche Summe von 1 Billion Dollar an Wert vernichtet. Nun ist es so, dass China einen unklaren und undurchsichtigen Kurs beim Thema Kryptowährungen fährt, immerhin werden 60 bis 70 Prozent aller Bitcoins in China erzeugt. China plant zudem eine eigene digitale Währung. Peking braucht immer Kontrolle, und bei Kryptowährungen hat das Regime diese Kontrolle nicht – der Eingriff hat also nichts mit der Technologie zu tun.

Der Absturz wurde noch dadurch beschleunigt, dass viele Investoren Bitcoin auf Pump gekauft hatten. Als der Kurs nun abstürzte und die Positionen an Wert verloren, verlangten die kreditgebenden Banken höhere Sicherungsleistungen. Um diese „Margin Calls” erfüllen zu können, haben Anleger Bitcoins verkauft.

Quelle: https://de.statista.com/infografik/22834/tageskurs-fuer-einen-bitcoin/
Quelle: https://de.statista.com/infografik/22834/tageskurs-fuer-einen-bitcoin/

Heute Nacht kam die nächste Nachricht: Die amerikanische Regierung will steuerliche Vorschriften für Krypto-Transaktionen verschärfen, Zahlungen ab 10.000 Dollar sollen automatisch an die Steuerbehörde gemeldet werden. Das Vorhaben ist Teil eines Plans, Kryptowährungen stärker zu regulieren. Auch hier brach der Kurs ein, bevor er sich erholte.

Das Techno-Märchen von der Bitcoin

Der erste naheliegende Gedanke ist, dass der Absturz ein guter Zeitpunkt für einen Einstieg ist – wie bei jedem Rücksetzer und Einbruch, sei es beim Dax, einer Aktie oder eben Bitcoin. Dazu muss man sagen, dass der Kurs nicht volatil bleiben wird, sondern unberechenbar – die Heftigkeit unterscheidet Kryptowährungen von anderen Assetklassen, die reguliert sind – was Staaten, siehe oben, bei Kryptowährungen deshalb auch anstreben. (Okay, bei der GameStop-Aktie haben wir ähnliche Kapriolen erlebt, aber bei BASF oder einem ETF werden Sie solche Ausschläge auf Tagesbasis selten erleben.)

Die Revolution hinter der Bitcoin-Technologie lebt indes unabhängig von der Zockerei weiter: Die digitalen Währungen sind aus der Welt nicht mehr wegzudenken. Sie haben längst die Welt der Coder, die sich in irgendwelchen Schweizer Crypto-Valleys einschließen, verlassen und stehen auf Powerpoint-Folien für vermögende Kunden von Goldman Sachs. Der Gesamtwert dieser Assetklasse betrug vor dem Absturz 2,5 Billionen Dollar. Die Technologie aber ist noch nicht ausgereift, noch immer sind reguläre und regelmäßige Transaktionen oder Bezahlungen schwierig. Wie bitte einen Tesla in Bitcoin bezahlen, wenn der Preis so schwankt?

Der zweite Gedanke betrifft den Punkt, den der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller in seinem Buch „Narrative Wirtschaft“ über Bitcoin aufwirft, nämlich dass Kryptowährungen vor allem eine wunderbare Story sind: „Es ist eine Geschichte für junge, kosmopolitische Menschen, eine Geschichte von Anarchie und fortschrittlicher Technologie“, sagte er „Capital“ vor einem Jahr im Interview . „Sie hat wie viele Narrative einen Superstar, den Schöpfer Satoshi Nakamoto. Es ist zum Teil die Geschichte einer Blase, aber auch ein Krimi und Thriller.“ Teil dieses Narratives, das mit „messianischem Eifer“ (Bloomberg) verteidigt wird, war immer, dass die alte Welt, die im Versinken ist, nicht versteht und wahrhaben will, was hier geschaffen wurde.

Die Geschichte über dezentrale Strukturen, technologische Überlegenheit, Kontrolle, Begrenztheit, Coding und Schwarmintelligenz als Gegenentwurf zu einem korrumpierten staatlichen Zentralbanksystem ist ein wunderbares Techno-Märchen, das allerdings inzwischen nicht nur voller Geschichten über Risiko und Reichtum ist, sondern auch über Raub, Gier, Wahnsinn, Geldwäsche und Erpressung. Es enthält alle Zutaten, die die Menschen seit Jahrhunderten auch über Gold geschrieben haben.

Damit sind wir allerdings beim dritten Punkt, nämlich dass dieses Bitcoin-Narrativ inzwischen an manchen Stellen Risse bekommen hat, ja zerbröselt. Die Story, dass Digitalwährungen eine moralische Gegenmacht zum System der Zentralbanken aufbauen und sich ihm entziehen können, ist falsch – China und die USA haben es ja gerade demonstriert. Wenn die Staaten eingreifen und regulieren wollen, werden sie es tun. Die irren Bewegungen des Bitcoin-Kurses, die allein eine Person wie Elon Musk auslösen kann, zeigen zudem, wie anfällig diese Währung für Manipulationen ist: Milliardenwerte hängen allein an der Laune eine flatterhaften E-Auto-Visionärs – der jetzt doch nicht Bitcoin gegen Teslas tauschen will, aber mit einem Tweet den Kurs in jede Richtung schicken kann.

Der Hype um Witzwährungen wie Dogecoin zeigt zudem einmal mehr, dass wir hier zum Teil über die gute alte Spekulation sprechen. Nicht ohne Grund hat die EZB die Bitcoin-Rally mit der „Tulpen-Manie“ und der Südseeblase des 17. und 18. Jahrhunderts verglichen. Wenn das alte System also so kaputt ist, dann ist Bitcoin der neue Wahnsinn im alten Wahnsinn.

Was reizt ist nicht die Währung, sondern die Technologie

Hinzu kommt: Die zunehmenden Erpressungen und Cyberangriffe, bei denen Lösegeld oft mit Bitcoin beglichen werden muss (wie gerade im Fall der Colonial Pipeline), machen dieses Geld zur Lieblingswährung der Schattenwelt. In Drogenfilmen auf Netflix sehen wir noch Koffer voller Dollar, die Cyberkriminellen des 21. Jahrhundert wollen Bitcoin.

Und schließlich: Das Mining der Bitcoin ist eine Klimasauerei, es verbraucht so viel Energie, dass man sich fragt, wieso wir eigentlich den Verbrennungsmotor abschaffen und gleichzeitig digitale Spekulationsobjekte schaffen, deren Herstellung pro Jahr mehr Strom verbraucht als die Niederlande . Fazit: Die schöne neue Welt hat schon eine Menge Probleme und dunkle Seiten.

Was reizt und weiterhin überzeugt, ist also nicht die „Währung“ Bitcoin, sondern die Technologie, die sich allerdings noch beweisen muss, noch reifen muss – und je reifer und besser sie wird, desto mehr könnte Bitcoin dann auch als Währung funktionieren. Derzeit ist noch viel Wilder Westen.

Die entscheidende Herausforderung für Bitcoin liegt denn auch in seinem Erfolg begründet: Sein Eroberungszug hat dazu geführt, dass viele Staaten, inklusive der EU, ihre eigenen digitalen Währungen schaffen wollen, vom E-Dollar über den virtuellen Euro bis zum E-Yuan. Diese „Govcoin“ sind „eine neue Inkarnation des Geldes“, wie der „Economist“ schrieb : „Sie versprechen, dass das Finanzwesen besser funktioniert, aber auch die Macht vom Einzelnen auf den Staat zu verlagern, die Geopolitik und Verteilung des Kapitals zu verändern. Man sollte ihnen mit Optimismus und Demut begegnen.“

Es ist die Vision eines neuen digitalen Geldsystems, dass besser kontrolliert wird, weniger krisenanfälliger und stabiler ist – und für jedermann zu geringen Kosten zugänglich. Leute wie Sie und ich haben dann direkt mit der Zentralbank zu tun.

Sollte diese Vision Wirklichkeit werden, wäre immer noch Platz für Elon Musk, Dogecoin, Spekulationen und Ether zu Weihnachten. Das Narrativ der überlegenen Gegenwelt aber wäre vorbei, weil die alte Welt sich neu erfunden hätte. Bis dahin aber ist es noch weit, und der Kurs des Bitcoin wird noch kräftig schwanken.

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