KommentarSaudi Aramco – eine unsichere Wette

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Schlechte Erfahrungen in Russland und Brasilien

Doch es bleiben grundlegende Fragen, die sich jeder stellen sollte, der sich an der Privatisierung eines staatlichen Ölkonzerns beteiligen will. Zwar hat die Vergangenheit gezeigt, dass Teil-Börsengänge zu einer höheren Produktivität beitragen können, da die jeweiligen Unternehmen von den Märkten zu mehr Disziplin gezwungen werden. Doch kann die jeweilige Regierung diese Gewinne sehr leicht konterkarieren, wenn Geldströme für politische Zwecke eingesetzt oder einfach neue Steuerregelungen eingeführt werden (die für Aramco überhaupt erst definiert werden müssten).

Es sind Probleme, wie sie die Privatisierung in Russland und Brasilien belasten. In beiden Staaten gibt es staatliche Rohstoffkonzerne, die in Teilen an der Börse gelistet sind und dort nur mit hohen Abschlägen gehandelt werden. Im Falle des russischen Rosneft-Konzerns, der täglich fünf Millionen Barrel Erdöl fördert, mag dies auch an den Finanzsanktionen infolge des Ukraine-Konflikts liegen. Doch es sind vor allem die ständig wechselnden steuerlichen Rahmenbedingungen und wahllosen politische Eingriffe, die dafür gesorgt haben, dass der Börsenwert des russischen Giganten nur noch bei 60 Mrd. Dollar liegt. Der Energieriese Gazprom, dessen tägliche Produktion etwa acht Millionen Barrel entspricht, wird sogar noch schlechter bewertet – was zum Teil an den undurchsichtigen „nationalen“ Bedürfnissen liegt, für die die Mittel des Konzerns eingesetzt werden. Die brasilianische Petrobras wiederum steht im Zentrum eines umfassenden Korruptionsskandals und ist mit einem Schuldenberg in Höhe von nominal 125 Mrd. Dollar vom Bankrott bedroht.

Im schlimmsten Fall Totalverlust

Für Russland und Brasilien ist Öl wichtig. Für Saudi-Arabien aber ist es – allen anderweitigen Plänen zum Trotz – immer noch praktisch das einzige, was das Land anzubieten hat. Und auch wenn die Regierung die mögliche Privatisierung als Teil eines wirtschaftlichen Strukturwandels anpreist, durch den ein Ungleichgewicht beseitigt werden soll: Es ist mehr als deutlich, dass es hier vor allem um finanzielle Motive geht. Der saudische Staat kämpft mit einem Haushaltsdefizit in Höhe von 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und will es schlicht mit ausländischem Geld stopfen.

Es handelt sich also im Grunde um eine Art Vorschuss für die saudische Monarchie. Nun könnte ein Investor darauf setzen, dass die derzeit niedrigen Ölpreise steigen und dieser Vorschuss dann zurückgezahlt wird. Dabei sollte man aber immer im Hinterkopf behalten, dass der Staat jederzeit die Spielregeln ändern kann, wenn es ihm passt. Denn eins ist sicher: Auch wenn die saudische Staatskasse einmal wirklich in die Bredouille geraten sollte, wird der Staat niemals seine Mehrheitsbeteiligung aufgeben. Investoren würden also eine asymmetrische Wette eingehen: Sie erwerben ein Asset, das sie niemals kontrollieren können. Sollte die Wette aufgehen, wird der erwartbare Gewinn höchstwahrscheinlich beschnitten. Geht sie verloren, könnte es sogar zu einem Totalverlust kommen – in dem extremen Szenario, dass das Regime stürzt.

Das Königreich Saudi-Arabien ist ein konservativer Ort. Sollten jemals Anteile von Saudi Aramco verkauft werden, dann sollte auch die Bewertung einer Beteiligung konservativ ausfallen.

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