BörsengangSaudi Aramco: Einmal volltanken, bitte

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Je größer das Unternehmen wird, desto wichtiger wird auch seine Rolle für die Politik. Spätestens mit der OPEC-Gründung 1960 wird Öl zu einem Schmiermittel für die ganz großen geostrategischen Konflikte. Und natürlich sieht das Königreich in Aramco auch ein Mittel, seine politischen Interessen zu verfolgen. Als Saudi-Arabien den Westen Anfang der 70er-Jahre dazu bringen will, sich von Israel abzuwenden, setzt es ein Ölembargo als Waffe ein – und die halb amerikanische Aramco muss dafür sorgen, dass es umgesetzt wird. Jungers beschreibt in einem 2013 erschienenen Buch, wie der damalige König Faisal ihn persönlich dazu drängt, auf die amerikanische Öffentlichkeit einzuwirken: „Er zupfte dabei andauernd an seinem Kamelhaarumhang, wie er es immer tat, wenn er sich aufregte.“ Und Jungers gehorcht. Der Aramco-Chef begibt sich auf eine ausgedehnte US-Tour, um anderen Unternehmensführern die „Gefühle der Araber“ nahezubringen.

Heute rechtfertigt sich Jungers, seine politische Mission habe dem Interesse des Unternehmens gegolten. „In den Nachbarstaaten wurde von Verstaatlichung der Ölindustrie gesprochen“, sagt er. „Ich musste die Saudis davon überzeugen, dass das keine gute Idee wäre.“ Zwar geht Aramco später trotzdem in Staatsbesitz über – doch die Eigner werden entschädigt, und es bleibt immer ein amerikanischer Einfluss. Bis heute arbeiten viele US-Expats für das Unternehmen, etwa die Hälfte der Mitarbeiter kommt aus dem Ausland.

Nicht nur als Arm der Außenpolitik spielt Aramco eine Rolle, sondern auch für die Entwicklung der saudischen Gesellschaft. Der Ölkonzern ist Herr über ein Krankenhausnetz, in dem Zehntausende von Menschen versorgt werden können. Ihm gehören Werften, Forschungseinrichtungen und eine komplette Universität. Wer es im Konzern zu etwas gebracht hat, der kann auch in der saudischen Politik Karriere machen. Ein prominenter Fall ist Ali al-Naimi, einst der erste gebürtige Saudi an der Spitze von Aramco, der heute Erdölminister Saudi-Arabiens ist – und einer der mächtigsten Menschen im Energiegeschäft. „Al-Naimi war ein geborener Anführer“, sagt Jungers heute über seinen Nachfolger. „Das konnte man von Anfang an sehen.“

Schnaps brennen

Trotz der engen Bindung zur Politik gilt Saudi Aramco heute als unabhängiger als viele andere staatliche Energiekonzerne. „Die saudische Regierung lässt Aramco weitgehend freie Hand“, sagt Jungers. „Natürlich sind sie die Eigentümer und dürfen mitreden, aber ins operative Geschäft mischen sie sich kaum ein.“ Die Ansicht des Ex-CEOs wird von unabhängigen Fachleuten geteilt. „Theoretisch kontrolliert das Öl-Ministerium das Unternehmen, tatsächlich aber ist es andersherum“, sagt Giacomo Luciani, Experte für Energiepolitik am Graduate Institute Geneva. „Die saudische Regierung ist abhängig davon, dass das Unternehmen gut funktioniert und nicht korrupt ist.“ Seit Langem werde Aramco professionell gemanagt und ähnele in seiner Unternehmenskultur amerikanischen Konzernen. Fast das gesamte Führungspersonal hat Abschlüsse an US-Universitäten erworben. Die Hierarchien sind flach, es herrscht ein offener Umgang zwischen den Mitarbeitern. Neue Talente werden an den Universitäten entdeckt und Jobs nach Fähigkeit und nicht wegen eines guten Familiennamens vergeben.

Worüber in Riad weniger offen gesprochen wird: Beim Global Player Saudi Aramco gelten intern auch andere Regeln als in der von rigiden islamischen Moralvorstellungen beherrschten saudischen Gesellschaft. Die Mitarbeiter verstehen sich als „Aramcons“ – es ist eine Art eigene Nationalität, in der sich saudische und amerikanische Kultur vereinen. Auf dem Unternehmensgelände in Dhahran kann man westliche Frauen in Shorts joggen sehen und arabische Kolleginnen am Steuer von Autos. Viele der älteren Wohnhäuser haben einen Anbau, der als still room bekannt ist und meist nur einem Zweck dient: „Es ist ein offenes Geheimnis bei Aramco, dass viele Leute zu Hause Alkohol herstellen“, sagt einer, der bis 2013 im gehobenen Management des Konzerns arbeitete. „Sie dürfen ihn nur nicht verkaufen.“ Kleine Privatbrennereien mitten im alkoholfreien Scharia-Staat. In den neueren Gebäuden allerdings wird auf den still room verzichtet: Es gab einfach zu viele Unfälle.

Auch Ex-CEO Jungers sieht sich nach wie vor als Aramcon. Trotz seines Alters ist er in den vergangenen Jahren immer wieder nach Saudi-Arabien gereist und hat die früheren Kollegen besucht. Das Arabisch, das er einst gelernt hat, ist ein bisschen eingerostet, aber im Konzern kann eh jeder Englisch. Für ihn ist Aramco, dieses hybride Konstrukt zwischen Staatskonzern und effizient gemanagtem Vorzeigeunternehmen, ein Lebenswerk. Viel verbessern lässt sich da aus seiner Sicht nicht. Auch deshalb hält Jungers nichts von einem Börsengang: „Die Kontrolle über das Unternehmen würde verloren gehen. Und das kann niemand wirklich wollen.“

 


Der Beitrag ist in Capital 03/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay