BörsengangSaudi Aramco: Einmal volltanken, bitte

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Lastwagen voll Gold

Für Rühl, der heute für den Staatsfonds der Vereinigten Arabischen Emirate arbeitet, liegt das Problem zudem in der unverminderten Abhängigkeit vom Öl: „Die Saudis haben erst sehr spät damit begonnen, zu diversifizieren und sich auf andere Zeiten vorzubereiten. Und wenn man so etwas unter Druck machen muss, wird es nicht unbedingt leichter.“ Ein Verkauf von Aramco immerhin würde zumindest kurzfristig Geld in die Kasse spülen, viel Geld. Aber dazu müsste die Regierung einen Teil ihrer Kontrolle über das Unternehmen abgeben. Es wäre das Ende einer Ära.

Als Frank Jungers 1947 als 22-jähriger College-Absolvent bei Aramco anfängt, besteht der spätere Ölriese noch aus dem Zusammenschluss von vier amerikanischen Unternehmen, die mit saudischer Lizenz auf der Halbinsel nach Öl bohren, unter anderem ist Texaco mit dabei. „Wir mussten gemeinsam groß werden, wir mussten ein Land aufbauen“, sagt Jungers. „Die Saudis hatten ja keinerlei Infrastruktur, es gab nichts, und sie wussten das.“ Als die US-Ingenieure in den Osten der Arabischen Halbinsel kommen, finden sie in jeder Hinsicht eine Wüste vor. Es gibt keine Straßen, keine Krankenhäuser, keine Telefone, ja oft nicht einmal etwas Anständiges zu essen. „Wenn die Saudis morgens zur Arbeit kamen, brachten sie ein paar Datteln und etwas Reis mit, nichts, was für einen harten Arbeitstag reichen würde“, sagt Jungers. „Wir mussten gesunde Lebensmittel herbeischaffen.“

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Zunächst lässt sich das Königreich einfach die Lizenzgebühren für die Ölförderung ausbezahlen – und zwar in Gold, weil es anderen Zahlungsmitteln misstraut. So schafft Aramco von überall Goldmünzen herbei, die per Truck durch die Wüste nach Riad gebracht werden. Anfang der 50er-Jahre aber wollen es auch die Saudis nicht mehr einfach bei Lizenzgebühren belassen und handeln eine 50-prozentige Gewinnbeteiligung für den Staat aus. Der Konzern entwickelt sich rasch zu dem, was er bis heute ist: der Goldesel der saudischen Monarchie.

Jungers selbst fliegt das erste Mal in einer firmeneigenen Douglas DC-4 nach Arabien, die den Namen „Flying Camel“ trägt. Den Nahen Osten kennt der junge Ingenieur bis dato nur aus seiner Briefmarkensammlung. In Ras Tanura, heute der größte Ölhafen der Welt, lernt Jungers seine ersten arabischen Sätze. Die Frage: „Wo ist der Hammer?“ Die Antwort: „Unter dem Auto.“ Er gewöhnt sich daran, dass saudische Angestellte fünf Betpausen am Tag brauchen, und organisiert den Arbeitsalltag so, dass die Produktion weiterlaufen kann. „Uns war sehr wichtig, dass Aramco nicht wie ein koloniales Unternehmen vorging“, sagt Jungers heute. „Es ging mir von Anfang an darum, die Menschen vor Ort einzubinden.“ Schon während seines Aufstiegs an die Unternehmensspitze geht er im Königshaus ein und aus. Er lernt, dass man bei den Saudis am besten schweigt, wenn es nichts zu sagen gibt, statt den in Amerika üblichen Small Talk zu pflegen. Und er wird für die Regierung bald zu einer Art Mädchen für alles. Als König Faisal im März 1975 von einem angeblich geistig verwirrten Neffen angeschossen wird, ruft der Protokollchef als Erstes Jungers an: ob der ein Ärzteteam herbeischaffen könne? Und Jungers hilft. Der Chef von Aramcos medizinischer Abteilung rast mit seinen Leuten innerhalb von zwei Stunden in die saudische Hauptstadt. Allerdings kommen die Helfer zu spät: Die Verwundung Faisals ist tödlich.