VersicherungRabattverträge - Schwer vermittelbar

DKV-Zentrale in Köln
DKV-Zentrale in Köln
© Bernhard Marks/Coverpicture

Hundertprozentig. Das war das Wort, das fiel, als Caroline Kaufmann* an einem Tag im Jahr 2011 mit ihrer besten Freundin joggen ging. Jede Woche liefen die beiden gemeinsam, und irgendwann empfahl die Freundin, eine Steuerexpertin, ihren Finanzberater. Wie gesagt: der sei  „hundertprozentig“. Und tatsächlich.

Der Mann stellte sich als Spezialist für Anwälte vor und hatte zudem eine günstige Krankenversicherung im Gepäck. Sogar mit Gruppenrabatt. Natürlich unterschrieb die Kundin vertrauensselig alles, was der Berater ihr vorlegte.

Fast zwei Jahre dauerte es, bis Caroline Kaufmann bemerkte, dass sie – anders als besprochen – gar nicht in dem rabattierten Gruppenvertrag der DKV für Rechtsanwälte gelandet war. Vielmehr zahlte sie für ihren privaten Krankenschutz den vollen Preis. Gut 70 Euro zu viel – und das Monat für Monat. Nur durch Zufall entdeckte die Juristin, dass sie geschröpft wird. Im Herbst 2013 beauftragte sie einen Versicherungsmakler, ihre Privatpolice zu checken. Immerhin waren jeden Monat fast 770 Euro fällig. Besonders günstig kam ihr das nicht vor. Zu Recht.

Britta Langenberg
Britta Langenberg
© Trevor Good

Caroline Kaufmann ist kein Einzelfall. Nach Capital-Recherchen handelt es sich um ein verbreitetes Phänomen: Zahlreiche DKV-Kunden dürften überhöhte Prämien entrichten, obwohl sie Sonderkonditionen bekommen könnten. Der Kölner Krankenversicherer, mit Beitragseinnahmen von 4,9 Mrd. Euro im Jahr die Nummer zwei im Markt, wirbt zwar lautstark mit Rabatten für viele Berufsgruppen wie Apotheker, Architekten, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer sowie Firmenmitarbeiter. Er stellte in der Vergangenheit aber keineswegs sicher, dass Kunden auch in deren Genuss kommen. Ganz im Gegenteil.

Statt günstiger Gruppenverträge verkauften Vertriebsleute des Branchenriesen (Slogan: „Ich vertrau der DKV“) vor 2013 offenbar vielfach teurere Einzelpolicen. Aus Unwissenheit – oder Gewinnstreben.

Fest steht, an Normalpolicen konnten viele Vermittler mehr verdienen. Als Provision wurden teilweise acht Monatsbeiträge fällig, bei Gruppenpolicen waren es hingegen nur drei. Für den Vermittler bedeutete das oft einen Unterschied von einigen Tausend Euro.

der Kunde zahlt und zahlt

Doch nicht nur für die Vertriebsleute war ein solcher Mehrverdienst verführerisch. Auch der Krankenversicherer machte dank der höheren Prämien für Einzelverträge gute Geschäfte. Nur der Kunde zahlt und zahlt – womöglich bis heute.

Die Masche mit den Gruppenverträgen dürfte sehr viele Altkunden treffen, denen die DKV günstige Konditionen vorenthielt. Schließlich wissen ­viele Interessenten beim Vertragsabschluss nicht einmal, dass sie dank ihres Berufs bei der DKV überhaupt Sonderkonditionen bekommen können – jedenfalls wenn sie auch bestimmten Verbänden oder Kammern angehören.

Ein großer Teil des Verkaufs läuft über die 10 000 Außendienstler vor Ort, die typischen Vertreter um die Ecke. „Wenn eine Gruppenpolice vom Vermittler nicht explizit angeboten wird, hat der Kunde kaum eine Chance, den Rabatt auch zu erhalten“, sagt Peter Schramm, vereidigter Sachverständiger für private Krankenversicherungen. Immerhin: Die DKV lenkt ein und erstattet Kunden zu viel gezahlte Beiträge zurück.

Dass die Information über rabattierte Gruppenverträge viele Abschlusswillige gar nicht erst erreichte, bestätigen auch ehemalige Vermittler. Hausintern habe jeder von der Vertriebspraxis wissen können, sagt einer aus dem Ruhrgebiet, der für die DKV lange Krankenversicherungen verkauft hat.

Jede fünfte Police ein Gruppenvertrag

Und das ausgerechnet bei der DKV. Das Kölner Versicherungsunternehmen mit Sitz an der Aachener Straße gehört zu den Großanbietern von rabattierten Krankenversicherungen. Mehr als 400 Gruppenverträge zählen zum hauseigenen Portfolio, darunter allein 250 für bestimmte Berufsorganisationen. Damit deckt der Versicherer, darauf weist er stolz hin, „sämtliche Freiberuflergruppen“ ab.

Jede fünfte Police in den Beständen ist ein Gruppenvertrag. Den Löwenanteil vom Umsatz, rund 80 Prozent, macht der Versicherer allerdings mit für Kunden kostspieligeren Einzelverträgen.

Erst zu Beginn des vergangenen Jahres änderte die DKV ihre Praxis. Vorstandschef Clemens Muth glich die Provisionssätze für Gruppen- und Einzeltarife schlagartig an. Die neue Vergütung für Gruppen­policen wurde mit Einführung der Unisex-Tarifgeneration im Neugeschäft auf das höhere Niveau der Normalpolicen gehievt.

Warum? Damit wolle man sicherstellen, begründet die DKV auf Anfrage, dass „ein Beratungsgespräch ohne Rücksicht auf die Höhe einer späteren Provision erfolgt“.