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Finanzen Privatinsolvenz: Der hohe Preis für die Schuldenfreiheit

Eine Privatinsolvenz schützt vor Zwangsvollstreckungen
Eine Privatinsolvenz schützt vor Zwangsvollstreckungen
© IMAGO / allOver-MEV
Inflation, teure Energie, hohe Zinsen für Kredite: Das Risiko, sich zu verschulden, ist aktuell für viele Verbraucher hoch. Einen Ausweg bietet die Privatinsolvenz. Doch die hat ihren Preis

Deutlich weniger Privatpersonen in Deutschland waren im vergangenen Jahr überschuldet: Insgesamt wurden 6,61 Millionen hochverschuldete Verbraucher gezählt – das sind 695.000 weniger als noch 2020. Bundesweit sank damit die Überschuldungsquote um rund einen Prozentpunkt auf knapp unter neun Prozent. Trotz dieser positiven Entwicklung nimmt der „finanzielle Stress“ zu, wie die Herausgeber des Schuldenatlas, Boniversum und die Creditreform Wirtschaftsforschung, aufzeigen.

Vergangenes Jahr war es die Coronapandemie, die Verbraucher finanziell stresste. Mit den strengen Lockdowns brach in vielen Branchen die Auftragslage ein. Viele Arbeitgeber führten daraufhin die Kurzarbeit ein, die oftmals mit Einkommensverlusten bei Arbeitnehmern einherging. Auch dieses Jahr ist keine Entspannung in Sicht – ganz im Gegenteil: Mit der Energiekrise und der hohen Inflation kommen neue finanzielle Stressfaktoren auf uns zu. Regelmäßiges Einkommen verliert genauso an Kaufkraft wie geparktes Vermögen auf Bankkonten. Viele befürchten nun, dass ihre finanziellen Mittel nicht mehr ausreichen könnten, um den bisherigen Lebensstandard zu halten oder regelmäßige Verbindlichkeiten zu begleichen. Zudem sind Kredite deutlich teurer, seit die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins im Juli zum ersten Mal seit elf Jahren angehoben hat. Somit bleibt das Risiko Überschuldung für viele Verbraucher in Deutschland nach wie vor hoch.

Die Vorteile der Privatinsolvenz

Schuldner, die es nicht schaffen, ihre Schuldenberge allein abzubauen oder sich mit ihren Gläubigern außergerichtlich zu einigen, können den Weg der Privatinsolvenz gehen. Ganz gleich wie hoch die Schulden dabei sind, wie wenig pfändbares Einkommen oder Vermögen sie besitzen – das in der Insolvenzverordnung geregelte Verfahren ermöglicht es, grundsätzlich innerhalb von drei Jahren schuldenfrei zu werden. Dafür muss der Schuldner zunächst beim zuständigen Insolvenzgericht einen Antrag auf Verbraucherinsolvenz stellen. Sobald der Antrag genehmigt und das Verfahren eröffnet ist, gilt der Pfändungsschutz. Konkret heißt das: Gläubiger dürfen ab diesem Zeitpunkt nicht mehr zwangsvollstrecken. Ohne Privatinsolvenz dürften sie es hingegen 30 Jahre lang. Dem Schuldner bleibt damit sein pfändungsfreies Nettoeinkommen erhalten, was ihm zumindest einen gewissen finanziellen Spielraum bietet.

Zudem müssen Schuldner während des laufenden Verfahrens nicht mehr direkt mit ihren Gläubigern kommunizieren. Das übernimmt der Insolvenzverwalter. Damit wird mit der Privatinsolvenz nicht nur finanzieller, sondern auch psychischer Druck genommen. Denn wiederkehrende Mahnungen und Vollstreckungsbescheide per Post oder E-Mail können Betroffene stark belasten. Ein weiterer Pluspunkt: Der insolvente Schuldner erhält ein Sonderkündigungsrecht. Dieses erlaubt ihm während des Insolvenzverfahrens, bestehende Verträge ohne Beachtung der Kündigungsfristen zu kündigen.

Und die Kehrseite der Medaille?

Trotz der genannten Vorteile sollte eine Privatinsolvenz stets gut überlegt und nur als letztmögliches Mittel gewählt werden. Denn sie bringt große Einschnitte für Betroffene und unter Umständen auch für Angehörige mit. So behält der Schuldner grundsätzlich nur das Allernötigste, das er zum Leben braucht. In der Regel also lediglich sein Nettoeinkommen, das bis zu 1330 Euro pfändungsgeschützt ist (Stand: November 2022). Sein gesamtes Vermögen wird verwertet oder versteigert, seien es Ersparnisse, Kapitalanlagen oder sonstige Wertgegenstände. Aber es greifen auch Ausnahmen: Besitzt der Schuldner etwa ein Auto, auf das er oder Familienmitglieder beruflich oder aus gesundheitlichen Gründen angewiesen sind, darf er es behalten. Ist das Auto neuwertig oder ein besonders hochpreisiges Modell, kann der Insolvenzverwalter dieses gegen ein günstigeres Fahrzeug austauschen.

Ein weiterer Minuspunkt: Das Insolvenzverfahren wird im Netz auf der Internetseite der Insolvenzgerichte öffentlich gemacht. Das heißt im Klartext: Nicht nur die Gläubiger, Wirtschaftsauskunfteien wie die Schufa oder der Arbeitgeber des Schuldners werden über die Privatinsolvenz informiert. Auch Dritte können Wind davon bekommen und das möchten Betroffene unter Umständen nicht. Negativ wirkt sich die Privatinsolvenz oftmals auch auf die Wohnungs- oder Jobsuche aus. Vermieter verlangen im Vorfeld häufig eine Bonitätsauskunft. Betroffene sind dann auf das Wohlwollen des künftigen Vermieters angewiesen. Doppelt belastend ist es vor allem dann, wenn die insolvente Person zum Zeitpunkt der Insolvenzeröffnung arbeitslos ist oder im Laufe des Verfahrens ihre Arbeitsstelle verliert. Dann ist der Antragssteller dazu verpflichtet, sich aktiv um eine neue Arbeitsstelle zu bemühen.

Doch allen Einschnitten zum Trotz bietet die Privatinsolvenz überschuldeten Privaten eine gute Perspektive. Nach Abschluss des Verfahrens ist der Schuldner in der Regel schuldenfrei – und das bereits nach wenigen Jahren. Das bietet dem Antragssteller eine einmalige Chance: Er kann anschließend finanziell ganz von vorne beginnen.

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