GastbeitragNiedrigzinsen: Was die Ursachen sind und wie wir damit umgehen sollten

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‚Zombifizierung‘ plausibel, bisher aber nicht belegt

Allerdings hat die aus dieser Perspektive zu lockere Geldpolitik die Inflationsrate im Euroraum nicht beschleunigt. Sie lag selbst am konjunkturellen Hochpunkt Anfang 2018 deutlich unterhalb des Preisstabilitätsziels der EZB. Vieles spricht daher dafür, dass sich die geldpolitischen Übertragungskanäle verändert haben und ein und derselbe Impuls heute andere Effekte mit sich bringt als früher. Man kann wegen der niedrigen Inflationsrate der Meinung sein, dass die EZB derzeit eher das Risiko eingehen sollte, zu spät die Zinsen anzuheben als zu früh. Allerdings ist zu bedenken, dass die Geldpolitik derzeit kaum Möglichkeiten hat, auf einen eventuellen Abschwung mit Zinssenkungen zu reagieren.

Zudem nehmen mit der Dauer der Nullzinspolitik ihre negativen Nebenwirkungen zu. Die Gefahr steigt, dass die reichlich zur Verfügung gestellte Liquidität zur Bildung von Preisblasen auf den Finanzmärkten beiträgt. Es ist nicht auszuschließen, dass durch die niedrigen Zinsen Unternehmen weitergeführt werden, die bei einem höheren Zinsniveau aus dem Markt gedrängt würden. Möglicherweise verhindert das niedrige Zinsniveau auch, dass Ressourcen schneller in produktivere Verwendungen gelenkt werden. Bislang fehlen für diese Zombifizierungsthese allerdings überzeugende empirische Belege.

Zinserhöhungen als eine Art ‚Produktivitätspeitsche‘ einzusetzen, erscheint jedenfalls riskant. Dass die aktuelle Wachstumsschwäche dadurch überwunden werden könnte, ist ähnlich unplausibel wie die verwandte These, dass höhere Mindestlöhne zu mehr Wachstum führen, weil sie Produktivitätssteigerungen erzwingen.

Wie Deutschland die Niedrigzinsen nutzen kann

Da vor allem globale Faktoren den Zinsrückgang treiben, wie die demographisch bedingte Zunahme der Sparneigung auf der Angebotsseite und sinkende Wachstumserwartungen auf der Nachfrageseite, dürfte der Einfluss der deutschen Finanzpolitik auf das globale Zinsniveau gering sein. Dass eine expansivere deutsche Finanzpolitik die Niedrigzinsphase beenden kann, ist nicht zu erwarten. Allerdings muss man sich fragen, ob es angesichts der niedrigen Zinsen auf deutsche Staatsanleihen sinnvoll ist, an der „Schwarzen Null“ festzuhalten und das Angebot an – aus globaler Sicht sicheren – deutschen Staatsanleihen weiter zu verknappen.

Die sehr guten Verschuldungskonditionen lassen sich nutzen, ohne die Nachhaltigkeit der deutschen Staatsfinanzen zu beeinträchtigen. Die Rahmenbedingungen für produktive öffentliche Investitionen in Deutschland zu verbessern, ist zum Beispiel sinnvoll. Sie scheitern derzeit allzu oft an Genehmigungsverfahren oder am Widerstand der lokalen Bevölkerung gegen Infrastruktur-Vorhaben. Man könnte die guten Verschuldungskonditionen des deutschen Staates auch dafür einsetzen, ein international diversifiziertes Portfolio an riskanteren Aktiva zu erwerben, die auch höher verzinslich sind, wie es das Konzept des Bürgerfonds vorsieht, den das ifo Institut vorgeschlagen hat. Ein solcher Fonds könnte die Altersvorsorge gerade von Bevölkerungsgruppen mit niedrigen Einkommen aufbessern.

 


Clemens Fuest ist Präsident des ifo Instituts. Timo Wollmershäuser ist stellvertretender Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik und Befragungen und Leiter Konjunkturprognosen