GastbeitragNiedrigzinsen: Was die Ursachen sind und wie wir damit umgehen sollten

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Immer mehr Kapital steht zur Verfügung

Ökonomisch betrachtet ist der Zins ein Preis für die Überlassung von Kapital, der sich durch Angebot und Nachfrage bildet. Das Angebot an Kapital ist weltweit gestiegen. Drei verschiedene Einflüsse lassen sich dafür identifizieren.

  • Erstens der demografische Wandel: Umlagefinanzierte soziale Sicherungssysteme leisten immer weniger zur Altersversorgung. Deshalb hat in den letzten Jahrzehnten ein wachsender Anteil der Weltbevölkerung mit mittleren oder hohen Einkommen im Alter zwischen 30 und 60 Jahren Ersparnisse für seine Altersversorgung gebildet.
  • Zweitens die ungleiche Einkommensverteilung: Zwar hat die globale Einkommensungleichheit durch den Aufstieg von Schwellenländern wie China und Indien abgenommen. Innerhalb vieler Länder, insbesondere einiger hochentwickelter Industrieländer, allen voran in den USA, hat der Anteil der Top-Einkommensbezieher am Gesamteinkommen zugenommen. Da die Sparquote von Haushalten mit dem Einkommen zunimmt, kann hier eine der Ursachen für wachsendes Sparangebot liegen.
  • Drittens das Investitionsverhalten der Schwellenländer: Vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten haben diese Regionen einen Boom der Investitionen erlebt. Wenn sie für die Finanzierung dieser Aufholjagd Kapital aus den entwickelten Ländern benötigt hätten, wären die Zinsen vermutlich kräftig gestiegen. Sie haben ihre Investitionen jedoch vollständig aus eigenen Ersparnissen finanziert, teilweise überstiegen ihre Ersparnisse sogar die heimischen Investitionen. Das hat dazu beigetragen, das globale Kapitalangebot zu erhöhen und die Zinsen zu senken.

Die Nachfrage nach Kapital nimmt stetig ab

Auch auf der Nachfrageseite finden sich verschiedene Einflussfaktoren.

  • Erstens geht das Wachstum im langfristigen Trend zurück, was eine sinkende Investitionsnachfrage vor allem aus den führenden Industrieländern mit sich bringt.
  • Zweitens haben sich Investitionsgüter sich in den letzten Jahrzehnten relativ zu Konsumgütern erheblich verbilligt. Die Folgen für die Investitionsausgaben hängen davon ab, wie stark die Nachfrage auf Preisveränderungen reagiert. Studien dazu kommen zu dem Ergebnis, dass die Preissenkung stärke war als die Erhöhung der nachgefragten Menge an Investitionsgütern, was bedeutet, dass die Kapitalnachfrage insgesamt gesunken ist.
  • Drittens haben zur verhaltenen Kapitalnachfrage schwache öffentliche Investitionen beigetragen. Aber ein rückläufiger Trend bestand bereits vorher.
  • Viertens verschiebt sich die Nachfrage weg von riskanten und hin zu sicheren Anlagen. Deshalb hat die Rendite-Differenz zwischen riskanten und weniger riskanten Anlagen deutlich zugenommen.

Geldpolitik trägt ebenfalls zum Zinsrückgang bei

Neben diesen langfristigen realwirtschaftlichen Faktoren hat auch die EZB in den vergangenen 10 Jahren mit der Nullzinspolitik und den Wertpapier-Ankäufen dazu beigetragen, dass die Nominalzinsen gesunken sind. Nach den vorliegenden Schätzungen kann man davon ausgehen, dass die Zinsen bei einer Normalisierung der Geldpolitik von derzeit null auf rund zwei Prozent steigen würden.

Glaubt man allerdings den aktuellen Ankündigungen der EZB, ist es bis zu dieser Normalisierung der Geldpolitik noch ein langer Weg. Das ifo Institut hat in seinen Konjunkturanalysen mehrfach darauf hingewiesen, dass die Ausrichtung der EZB-Politik spätestens seit dem Jahr 2017 deutlich expansiver gewesen ist als in vergleichbaren Situationen in den ersten zehn Jahren der gemeinsamen europäischen Geldpolitik. Demnach hätte die EZB bereits im Lauf des Jahres 2017 Abschied von der Nullzinspolitik nehmen und die Leitzinsen anheben müssen.