KolumneNetflix und der Wahnsinn an der Börse

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Die Aktionäre kann man immer noch anpumpen

Die Aktionäre wiederum können sich darüber freuen, dass Netflix sehr hoch pokert, und das bislang erfolgreich: Der Kapitalabfluss gemessen am Cashflow wird über die Jahre größer, die entsprechenden Einsätze über höhere Schulden ebenfalls mit dem Ziel, irgendwann in der Zukunft alles wieder hereinzuholen. In diesem ganzen Spiel schützt Netflix allerdings seine Eigner, indem es statt neuer Aktien einfach neue Schulden aufnimmt.

Bleibt die Frage: Warum? Dafür haben selbst Analysten keine befriedigende Erklärung.

Netflix kann vor Kraft an der Börse derzeit kaum laufen, die (Aktien-)Investoren kaufen offenbar die Geschichte, dass hier der dominierende Medienkonzern der kommenden Jahre zu haben ist.

Das merkwürdige daran ist nur, dass bei Netflix eine abrupte Veränderung der lebenswichtigen Geldversorgung gar nicht zur Debatte zu stehen scheint – ähnlich wie bei Tesla, ebenfalls ein Unternehmen mit Kreditwürdigkeit auf „Ramschniveau“, negativem Cashflow und einer hoch fliegender Aktie. Das Kalkül ist: Weigern sich die Anleihegläubiger, weitere Mittel zu annehmbaren Konditionen zur Verfügung zu stellen, kann man immer noch die Aktionäre anpumpen über eine Kapitalerhöhung. Brennt jedoch die Hütte auf der Fremdkapitalseite bei schmalem Kassenbestand, stellen natürlich auch Eigner der dann vermutlich taumelnden Aktie frisches Geld nur noch ungern zur Verfügung. Bei einer Kapitalerhöhung in der Not wird der Verwässerungseffekt schnell sehr schmerzhaft, wie etwa ein Blick auf Bankaktien im Zuge der Finanzkrise zeigt. Ähnlich lief es auch gegen Ende des Technologiebooms im Jahr 2000: Zwischen dem Jubel über die neue Weltordnung in der Wirtschaft und den „Todeslisten“, wie lange welche Firma noch mit dem Geld auskommt, vergingen nur wenige Wochen. Das Fenster, um sich frisches Kapital zu besorgen, schlägt an der Börse oft weit schneller zu, als es die meisten wahrhaben wollen.

Netflix muss weiter wachsen

Vereinfacht gesprochen: Konservative CEOs würden die extrem gut gelaufene Aktie nutzen, den Cash-Bedarf (und vielleicht sogar ein bisschen mehr) über Aktien zu decken, um auch im Falle eine Krise chillen zu können, statt Gläubiger an den Hacken zu haben. Die Strategie von Netflix führt hingegen bei eben jenen konservativen Lenkern eher zu entzündeten Pupillen.

Natürlich haben Netflix-Aktionäre (und auch das Unternehmen) bis hierhin alles richtig gemacht und fantastische Gewinne eingefahren – die Charts lügen nicht. Um allerdings auch nur in die aktuelle Bewertung hineinzuwachsen, muss nicht nur fremdkapitalseitig alles gut gehen. Der Konzern muss auch noch über Jahre weiter wachsen, indem er neue Abonnenten gewinnt und die Preise erhöht – und irgendwann einmal auch mit Kapitalrückzahlungen an Aktionäre beginnen. Das zu modellieren fällt selbst optimistischen Analysten aktuell schwer, zumal Netflix – anders als andere Unternehmen mit einem „Versorgercharakter“ – laufend in Inhalte investieren muss, um die Kunden bei der Stange zu halten. Und: Wo es, wie im Streaminggeschäft, viel zu verdienen gibt, scharren auch Wettbewerber mit den Hufen.

Es spricht daher vieles dafür, dass die Anleihegläubiger einen realistischeren Blick auf die Risiken haben als die Aktionäre, indem sie von Netflix 5,8 Prozent Zinsen pro Jahr verlangen für mittelfristige Verbindlichkeiten – und die Anleihen aus diesem Grund auch die bessere Anlage selbst für Netflix-Bullen sind. Die Anleihenrenditen reflektieren schließlich schon Pessimismus – die Aktien im Rausch der Zeit schlicht einen enorm großen Optimismus.