KolumneNetflix und der Wahnsinn an der Börse

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Für Ratingagenturen ist Netflix ein Ramschunternehmen

Demnach weist Netflix für das vergangene zweite Quartal einen negativen Cashflow von gut einer halben Mrd. US-Dollar auf. Denn die Differenz aus operativen Erträgen nach Kosten und allen Investitionen (hier vor allem in Inhalte) lag bei minus 560 Mio. US-Dollar. Und das Quartal war hier keine Ausnahme: Das letzte Quartal mit einem positiven Cashflow ist über vier Jahre her. Seit 2016 verlassen in jedem Quartal mindestens 250 Mio. US-Dollar das Unternehmen, die nicht verdient wurden.

Bleiben wir im Bild einer Netflix-Serie, stellt man sich nun am besten einen emotional heftig geführten Streit vor. Denn ein Pessimist argumentiert nun: „Ein negativer Cashflow heißt nichts anderes, als dass das Unternehmen Geld verbrennt! Geld, das es nicht hat!“ Der Optimist hält dagegen: „Das ist alles Teil der Strategie: Wachstum kostet nun einmal, im konkreten Fall in Inhalte, mit denen man wiederum Abonnenten bedient, Preise erhöhen und neue Kunden anwerben kann. Da nutzt Netflix die Gunst der Stunde!“ Und tatsächlich erläutert auch Netflix ganz offen, man habe kein Problem damit und plane in diesem Jahr rund 3 bis 4 Mrd. US-Dollar an negativem Cashflow ein.

Genau damit wird es nun dramaturgisch interessant. Denn obwohl Netflix an der Börse mit 165 Mrd. US-Dollar bewertet ist und einen einen stark negativen Cashflow aufweist, beträgt der Kassenbestand lediglich knapp 4 Mrd. US-Dollar. Zum Jahreswechsel waren es gar nur zwei. Zudem drücken den Konzern rund 8 Mrd. US-Dollar Schulden. Gerade wegen der Kombination aus einem negativen Cashflow, Schulden und dem geringem Kassenbestand – er deckt gerade einmal die Programminvestitionen von etwa vier Monaten – wird der Konzern von Ratingagenturen auch als „Ramschunternehmen“ eingestuft.

Frisches Kapital per Anleihe

Wie also das Geld auftreiben, das man für die stets nach neuen Serien gierenden Abonnenten und weiteres Wachstum zusätzlich zu den Abo-Einnahmen offenbar benötigt? Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, man holt es sich am Anleihenmarkt in Form neuer Schulden, auf die dann Zins und in einigen Jahren die Tilgung fällig sind. Oder aber, man holt es sich bei Aktionären gegen die Ausgabe neuer Aktien.

Weil Netflix inzwischen ein Börsengigant ist mit einer obendrein sehr hohen Bewertung, wäre eigentlich naheliegend, ein paar neue Aktien auszugeben. Schließlich reißen sich Investoren um die Aktien, die sich seit Jahresbeginn erneut verdoppelt haben. Würde Netflix beispielsweise die Zahl seiner Aktien nur um zehn Prozent erhöhen, spülte ihm das einen zweistelligen Milliardenbetrag in die Kasse und der Verwässerungseffekt wäre überschaubar. Aktionäre müssten mit einem Kursrückgang leben, der vermutlich die Größenordnung der Gewinne von zwei typischen Netflix-Börsenwochen hätte.

Stattdessen aber strotzt Netflix vor Selbstbewusstsein und gibt neue Anleihen aus, erhöht also seine Schulden und somit auch Zinslasten weiter. Für Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit muss Netflix aktuell rund 5,8 Prozent Zinsen pro Jahr zahlen.

Schon die Zahl von 5,8 Prozent Zins suggeriert, dass die Anleihengläubiger eine andere Wahrnehmung des Pleiterisikos haben als Aktionäre. Dem Unternehmen mit wenig Geld in der Kasse und einem hohen Geldverbrauch neues Geld zu leihen, dafür wollen sie einen attraktiven Zins sehen, der ihre Risiken hinreichend berücksichtigt. Um hier einmal das typische Risiko zu illustrieren: Historisch kam es bei annähernd jedem dritten Unternehmen mit dem aktuellen Rating von Netflix binnen fünf Jahren zu einer Zahlungsstörung.