Interview„Natürlich wäre ein starker Zinsanstieg Gift für Aktien“

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Gilt das auch für die großen US-Technologiewerte, deren Rally ebenfalls Züge von Euphorie zeigt?

Kostin: Von welcher Euphorie reden Sie? Die Bewertungen sind aktuell viel niedriger als etwa 1999.

Flossbach: Das stimmt. Wir lagen Ende der 90er-Jahre, kurz vor dem Platzen der Technologieblase, bei einem globalen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 24 bei zugleich viel höheren Zinsen. Aktuell sind es 18.

Kostin: Fondsmanager sind unseren Berechnungen zufolge untergewichtet in vier der fünf großen Technologieaktien, nämlich Apple, Amazon, Facebook und Microsoft. Zusammengerechnet steigern die fünf großen Tech-Unternehmen ihre Umsätze um 20 Prozent, also fünfmal so schnell wie die erwarteten vier Prozent für die restlichen S&P 500 Unternehmen. Und das bei viel höheren Gewinnmargen. Trotzdem sind sie gemessen an ihrem Wachstum alles andere als teuer. Fallen Ihnen spontan große europäische Konzerne ein, die mit diesem Tempo wachsen? Mir nicht.

Mit den Umsätzen steigt auch die Marktmacht der großen Technologiekonzerne. Müssen sich Anleger perspektivisch auf Kartellprobleme und -klagen, wenn nicht gar eine Zerschlagung von Amazon, Google und Co. einstellen?

Flossbach: Das ist nicht meine Prognose. Aber es ist meiner Meinung nach klar das größte Risiko – nicht wahrscheinlich, aber etwas, was man sehr genau beobachten muss. Der Chef einer großen US-Bank erklärte mir kürzlich in kleiner Runde, dass er selbst davon ausgehe, dass sich die Europäer dieses Themas bald annehmen könnten. Ich würde behaupten, dass die Bewertungen von Google oder Amazon genau diese Sorge um einen möglichen Monopolmissbrauch bereits reflektieren. Gemessen an ihrem operativen Geschäft sind beide Unternehmen jedenfalls nicht zu hoch bewertet!

Kostin: Regulierung ist sicherlich ein Thema. Aber Monopole und Zerschlagung sind große Worte. Zum einen zeigt die Vergangenheit, dass solche Prozesse – etwa bei der Telefongesellschaft AT&T oder bei Microsoft mit seinem Internetbrowser – zwischen zehn und 20 Jahren dauern. Zum anderen und viel wichtiger: Google oder Amazon sind nicht deshalb so groß geworden, weil sie Macht missbrauchen, sondern weil sie schlicht Produkte bieten, die Kunden haben wollen und immer häufiger genutzt worden. Kennen Sie den weltgrößten Fernsehsender?

Flossbach: Youtube.

Kostin: Genau. Und weil Menschen immer mehr Zeit mit Youtube und Sozialen Medien verbringen, gewinnen sie eben immer mehr Werbebudgets hinzu, während etwa TV-Stationen und Printprodukte sie verlieren. Amazon wiederum ist ein Händler – aber einer mit einem immer noch kleinen Marktanteil, der nicht mal im entferntesten etwas mit einem Monopol zu tun hat.

Aber das Thema steht doch längst im Raum, vergangenen Sommer verpasste die EU-Kommission Google eine Strafe von 2,4 Mrd. Euro wegen Marktmissbrauchs.

Kostin: Was glaube ich passieren wird: Die großen US-Konzerne werden stärker reguliert werden, ja. Zum Beispiel, indem die Technologiekonzerne die Daten ihrer Kunden innerhalb des Unternehmens und Landes belassen müssen. Oder Google seinen Suchalgorithmus in einem Land anpassen muss. Solche Dinge kosten, klar …

Flossbach: … Facebook hat auch angekündigt, 10.000 Mitarbeiter einzustellen, die Inhalte kontrollieren …

Kostin: Das mag sein, und ja: Regulierung kostet. Aber sich den großen US-Technologiekonzernen mit der Frage nach einem möglichen Marktmissbrauch zu nähern, ist zumindest für Anleger meiner Meinung nach irreführend. Diese Konzerne wachsen fünfmal so schnell wie die US-Wirtschaft, und sie erwirtschaften doppelt so hohe Margen wie der Schnitt anderer US-Konzerne bei einer weiter moderaten Bewertung. Und das einfach weil sie gut sind, und Produkte und Dienstleistungen bieten, die Kunden und Nutzer haben wollen. Solange diese drei Dinge stimmen: Umsatzwachstum, Marge, Bewertung – sollten die großen US-Techwerte weiterhin gut performen.